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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Diverse

Klavierwerke

Thomas Adès

EMI 7243 5 57051 2 9
(72 Min., 2/2000) 1 CD

Thomas Adès ist ein Unikum: Noch keine dreißig Jahre alt, hat er sich bereits als hochbegabter Komponist profiliert, leitet das Birminghamer Ensemble für Zeitgenössische Musik ebenso wie das traditionsreiche Aldeburgh-Festival, und ein brillanter Pianist ist er auch noch. In seinem Klavier-Rezital verzichtet Adès dankenswerterweise auf die immer wieder gespielten Repertoire-Schlachtrösser und öffnet eine wahre Schatzkiste, in der das Vergnügen eine mindesten ebenso große Rolle spielt wie das Abenteuer.
Alle Werke stammen aus dem 20. Jahrhundert, doch keines zelebriert die "Vorsicht, Avantgarde!"-Haltung. Im Gegenteil: Niccolò Castiglionis Miniaturenzyklus "Wie ich den Sommer verbringe" bringt entspannte Ferienerinnerungen in hellen südlichen Farben; Debussy und Ravel lassen grüßen, und in einem der Stücke leisten wir dem Pianisten Antonio Ballista bei einer "Nacht auf der Polizeiwache" Gesellschaft. Kindheitserinnerungen beschäftigen Feruccio Busoni in seiner Dritten Sonatine, die von Adès mit fein nuancierter Poesie zum Klingen gebacht werden. Knochentrocken und schnoddrig dann Strawinkis "Piano Rag Music", eine weitere Sternstunde für Adès. Und hätte etwa jemand dem vergeistigten György Kurtág einen Witz zugetraut wie das Siebenundzwanzig-Sekunden Stückchen "Hommage à Nancy Sinatra" (wir erinnern uns: "These Boots Are Made For Walking")?
Als unerwartete, doch hochwillkommene Abwechslung gibt es drei der späten Norwegischen Bauerntänze ("Slåtter") von Grieg. Seine Spürnase für Entdeckungen beweist Adès in einigen Werken von Alexei Stantschinskij, einem russischen Komponisten, der 1914 im Alter von sechsundzwanzig Jahren verstarb. Die hochvirtuose Zweite Sonate klingt wie eine Mischung und Busoni und den Improvisationen eines vor der Zeit geborenen Jazz-Pianisten.
Nach dieser spannenden und höchst unterhaltsamen CD stellt sich vor allem eine Frage: Warum geben sich die meisten Pianisten mit immer dem Gleichen zufrieden? Ist das Ehrfurcht vor dem "großen Kanon der Meisterwerke" oder simple Faulheit und Ideenlosigkeit?

Thomas Schulz, 23.11.2000



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