Es nimmt nicht Wunder, dass Benjamin Britten mit seinem Faible für das Hintergründige seit seiner Jugend fasziniert war von Henry James' Novelle "The Turn Of The Screw" (außer der deutschen Übersetzung des Titels, "Die Drehung der Schraube", ist die Geschichte bei uns auch als "Die sündigen Engel" bekannt geworden).
Oberflächlich betrachtet, handelt es sich um eine Geistergeschichte: Eine junge Gouvernante kommt in ein altes Landhaus, um dort die beiden Kinder Flora und Miles zu betreuen. Außer den Kindern ist dort nur noch die alte Haushälterin Mrs. Grose anwesend. Es dauert nicht lange, bis die Gouvernante merkt, dass es in dem Haus nicht mit rechten Dingen zugeht - Flora und Miles stehen offensichtlich unter dem unheilvollen Einfluss von zwei Geistern, dem Dienstboten Peter Quint und der Erzieherin Miss Jessel, die beide vor einiger Zeit zu Tode kamen. Bei dem Versuch der Gouvernante, die Kinder vor den Gespenstern zu retten, kommt Miles zu Tode.
Ist die Handlung als solche schon unheimlich genug, verstärkt sich das Beunruhigende der Geschichte noch, als es verschiedene Deutungsmöglichkeiten gibt, aber keine Lösung angeboten wird. Es stellt sich niemals heraus, ob die Kinder zu Quint und Miss Jessel in irgendeiner Beziehung standen und wenn ja, in welcher - ob sie vielleicht gar missbraucht wurden - oder ob die beiden Geister letztlich nur in der überhitzten Fantasie der Gouvernante exisitieren.
Brittens Musik spiegelt perfekt die Vielschichtigkeit und Ungreifbarkeit des Textes. An der Oberfläche hell und transparent (das Orchester umfasst nur dreizehn Spieler), repräsentiert sie jedoch gerade durch ihre leuchtenden Farben dunkle Bezirke. Volks- und Kinderlieder werden mit ominöser Bedeutung aufgeladen, die Präsenz der beiden Kinderstimmen, so liebreizend sie zuerst klingen, gewinnt durch die bösen Mächte, mit denen diese Kinder - zumindest in den Augen der Erwachsenen - in Verbindung stehen, etwas Schauerliches. Für Britten, der gerne die Gefährdung und Zerstörung der Unschuld zum Thema macht, war Henry James' literarische Vorlage die perfekte Spielwiese, und er lieferte in "The Turn Of The Screw" vielleicht sein Meisterwerk.
Die neue Einspielung dürfte schwer zu überteffen sein. Ian Bostridge füllt die Rolle des dämonischen Quint - die nicht nur seiner Physiognomie, sondern auch seiner biegsamen, ätherischen Stimme auf den Leib geschrieben scheint - mit all seiner Präsenz aus. Und es verbietet sich jeder Vergleich zu Peter Pears, für den Britten diese Rolle schuf; ich ziehe Bostridge dem stets etwas maniriert wirkenden Pears (unter Brittens Leitung bei Decca) vor. Joan Rodgers bietet in der teils vernunftbestimmten, teils hysterischen Gouvernante den perfekten Gegenpart, und nicht zuletzt überzeugen auch die beiden Kinder - weit mehr, als wenn, wie es öfter geschieht, erwachsene Sänger für die Rollen herangezogen worden wären.
Eine mindestens ebenso große Rolle spielt jedoch das von Harding mit wunderbarem Gespür für Linie und Atmosphäre geleitete Orchester - als Verkörperung der äußeren und inneren Schauplätze, in denen die gruselige Geschichte spielt. Die Virtuosen des Mahler-Kammerorchesters bieten erst die Grundlage, auf der sich die Sänger entfalten können.

Thomas Schulz, 01.05.2002



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