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Maurice Ravel

Klaviertrio, Violinsonaten, Sonate für Violine und Cello

Renaud Capuçon, Gautier Capuçon, Frank Braley

Virgin/EMI 7 24354 54922 9
(77 Min., 4/2001) 1 CD

So und nicht anders muss Ravel gespielt werden. Allzu oft verleitet die perfekte Oberfläche von Ravels Musik Hörer wie Interpreten gleichermaßen dazu, nicht mehr als eben diese Oberfläche wahrzunehmen, und das Resultat ist dann eben: Oberflächlichkeit. Davon ist diese fabelhafte Einspielung meilenweit entfernt. Es ist das hörbare Anliegen der drei jungen französischen Musiker, zu zeigen, wie viel Leidenschaft, aber auch Tragik und Wut in diesen Werken steckt. Dabei ziehen sie alle Register ihrer Musikalität, scheuen auch raue, ja hässliche Töne nicht. Etwa in der asketischen, stachligen Duo-Sonate für Geige und Cello, deren zweiten Satz sie derart mokant und bissig formulieren, wie dies noch nicht einmal Kennedy und Harrell (EMI, siehe Rezension) getan haben.
Oder die Violinsonate, in deren Kopfsatz Renaud Capuçon und Frank Braley zitternde Nervosität und tonlose Eiseskälte auf engstem Raum einander abwechseln lassen. Die ausgedehnte Tremolo-Passage gemahnt in ihrer Interpretation beinahe an ähnliche Momente in der Schostakowitsch-Sonate. Den zentralen Blues gestaltet Capuçon nicht kühl und "laid back" wie die meisten anderen Geiger, etwa Frank-Peter Zimmermann (EMI), sondern tief schwarz, aggressiv, rotzig, verzweifelt; in den frenetisch gefetzten Pizzicati tut er beinahe des Guten ein wenig zu viel. Doch unwiderstehlich dann die "blue note" am Schluss. Hat man das je so herausfordernd gehört? Für die frühe, postum veröffentlichte Sonate findet Capuçon dann auch die richtigen Töne: innig, zurückhaltend singend.
Der Höhepunkt der CD jedoch ist das Klaviertrio. Warum nur wird dieses herrliche Werk auf dem Tonträgermarkt so vernachlässigt? Egal, denn hier liegt nun eine Referenzaufnahme vor. Braley und die Capuçon-Brüder nehmen sich viel mehr Zeit als etwa Bell, Isserlis und Thibaudet in ihrer klassisch klangschönen - aus dem Katalog gestrichenen - Aufnahme bei Decca. Den dionysischen Überschwang im "Pantoum" und vor allem im Finale adeln sie durch eine zusätzliche Dimension, nämlich die für Ravel so kennzeichnende Gratwanderung zwischen Klangrausch und Katastrophe.
Ein wahres Mirakel an gedanklicher Versenkung und Austarierung kleinster Farbnuancen ereignet sich dann im Kopfsatz und der wunderbaren Passacaglia. Ich kann mich nicht erinnern, das Trio schon einmal so von innerer Glut erfüllt gespielt gehört zu haben. Diese CD wird auf meiner Jahresliste landen, so viel ist sicher - und zwar nicht bei den Zitronen!

Thomas Schulz, 01.02.2002



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