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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Diverse

Chant Wars - Sängerkriege: Die karolingische "Globalisierung" des mittelalterliche Cantus Planus

Ensemble

DHM / Sony BMG 82876 66650-2
(74 Min., 11/2004) 1 CD

"Chant Wars" ist diese Hybrid-CD/SACD überschrieben - das klingt recht martialisch, ist aber zunächst wohl die Übersetzung des deutschen Bergriffs "Sängerkrieg". Wobei dieser heutzutage in erster Linie mit Wagners "Tannhäuser" assoziiert werden dürfte. Hier spielen aber nicht minnende Ritter auf, sondern es geht um liturgische Musik aus der Zeit der Karolinger. Und gleich zwei Ensembles treten in die Schranken: Sequentia und Dialogos.
Tönend diskutiert wird die damals aktuelle Frage, welche Gesangstradition in der Kirche - und zwar in allen Kirchen des karolingischen Reiches - praktiziert werden sollte, die ältere römische oder auch die diversifizierten Neuerungen einzelner Regionen. Karl der Große entschied schon aus Gründen der (Reichs-)Einheitlichkeit für den römischen Kirchengesang. Auf einer weiteren Ebene geht es den Interpreten aber auch um die Diskussion verschiedener Rekonstruktions- und Aufführungspraktiken dieser ältesten erhaltenen Musik des christlichen Abendlands - für Details sei auf das informative Begleitheft verwiesen.
So archaisch und karg wie das Refektorium der Abtei Fontevrault, in dem die Aufnahmen entstanden (im Internet unter www.abbaye-fontevraud.com sehr schön virtuell zu besichtigen), treten uns die Tropen, Graduale, Psalmodien oder Antiphone entgegen. Die Sänger und Sängerinnen (!) von Sequentia und Dialogos entführen geradezu in eine andere Welt, und das mit ebenso ausgearbeiteten wie einfachen Mitteln, ohne aufgesetztes Mittelalter-Jahrmarkts-Brimborium. Das 1977 gegründete Ensemble Sequentia verweist dabei bereits auf eine beachtliche Tradition und Diskografie sowie Forschungs- und Lehrtätigkeit. Die jüngere Gruppe Dialogos fand sich 1997 zusammen und kümmert sich vor allem um eine "aktuelle und expressive" Umsetzung des ältesten mittelalterlichen musikalischen Erbes.
Ob es in den Klostermauern vor Jahrhunderten wirklich so geklungen hat, wie es uns die Interpreten darstellen, ist eine Frage, die immer wieder auftaucht, im Grunde aber müßig ist. Wir können es nicht wissen, wir können uns dem nur annähern. Und bei aller wissenschaftlichen Recherche und Objektivierung bleibt die expressive Leistung der Sänger maßgeblich, um zu dem Schluss zu kommen: Ja, so könnte es gewesen sein.

Matthias Reisner, 10.12.2005



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