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Anonymus (Traditionell)

Penny Merriments: Street Songs Of 17th Century England

Lucie Skeaping, Douglas Wootton, Richard Wistreich, The City Waites

Naxos 8.557672
(70 Min., 9/2004) 1 CD

Wörtlich übersetzt lautet der Titel dieser CD "Pfennig-Freuden" und das ist sicher kein schlechter Name für die Produktion eines Niedrigpreisanbieters. Die billigen Freuden, um die es diesmal geht, sind die des Infotainments: Was heute Privatfernsehen und Regenbogenpresse leisten, dafür gab es im 17. Jahrhundert in England die Straßenlieder. Statt großer Buchstaben und bunten Trailern lockten bekannte und eingängige Melodien wie etwa der unverwüstliche Lillibulero; zu diesen Weisen wurden Neuigkeiten, Sensationen, Katastrophenberichte, voyeuristische Reportagen und beherzte politische Kommentare präsentiert: Da wird detailgenau beschrieben, wie eine als Mann verkleidete Betrügerin eine reiche alte Jungfer verführt, da wird die Rückkehr zur Monarchie mit reichlich Bier begossen und die Frage aufgeworfen, ob Ausländer aus Frankreich und Holland den Brand zündeten, der London 1666 in Schutt und Asche legte. Lucie Skeaping als klatschsüchtiger Sopran, Douglas Wooton als hämischer Tenor und Richard Wistreich als wohltönend vaterlandstreuer Bassbariton sind Erzählertalente mit Charakterkehlen; in vielen Rollen und unterschiedlichen Dialekten verleihen sie den vielstrophigen Gassenhauern Spannung und Atmosphäre. Die Begleitungen durch die City Waites wirken bei aller Sparsamkeit des Instrumentariums, wie sie für arme Straßensänger typisch ist, dennoch pointiert und niemals billig.
Im Beiheft liest man, dass die Balladensänger früher ihren Vortrag an der spannendsten Stelle unterbrachen und erst weitersangen, wenn das Publikum ihnen die gedruckten Texte abkaufte. Wer heute wissen will, welche Anzüglichkeiten er gerade mitpfeift, wird auf das Internet verwiesen. Dort soll man die – leider nicht übersetzten – Texte unter www.naxos.com/libretti/pennymerriments.htm sogar umsonst herunterladen und ausdrucken können. Mir allerdings wollte die Druckansicht nur die ersten drei Lieder freigeben – dabei hätte ich für die Befriedigung meiner so schön geweckten Neugier sicher ein paar Pennies geopfert!

Carsten Niemann, 03.09.2005



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