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Wolfgang Amadeus Mozart, Frédéric Chopin, Alexander Skrjabin, Sergei Prokofjew u.a.

Klavierwerke

Evgeny Kissin

Brillant Classics/Foreign Music MMK8528
(300 Min., 1984 - 1990) 5 CDs

Man könnte das Spiel wieder mal spielen. Ein Ratespiel ist’s für Experten, bestens geeignet, um zu brillieren – oder eben auch nicht. Eingeladen wären einige renommierte Kritiker, und sie alle würden vor dem CD-Player sitzen und, am besten zu einem Glas Rotwein – es soll schließlich behaglich zugehen – eine Aufnahme vorgespielt bekommen. Nun ja, und dann müsste ein jeder aus der illustren Runde nach Anhörung der musikalischen Angelegenheit auf einem kleinen weißen Zettel notieren, welchen Interpreten er da gerade gehört zu haben meint. Wir wollen so kühn sein zu behaupten: Sie würden in diesem Fall alle danebenliegen. Alle, wie sie da sitzen und wissen. Mozarts "kleines" A-Dur-Konzert KV 414 gilt vielen mit Recht als die geschmeidig-grazile Schwester des "großen" A-Dur-Werkes KV 488. Der Grundton ist mild-melodiös, die Kräfte sind gebündelt, es waltet kammermusikalisch kultivierte Konversation. Sucht man unter den Klavierkonzerten Mozarts diejenigen, in denen die Oper, zumal das dramma giocoso, habituell kaum je hervortritt, dann wird man in diesem Kleinod auf jeden Fall fündig. Und eben darin liegt die Schwierigkeit. Das Galante muss wie beiläufig erklingen, so, als sei es en passant gesagt, ohne Hintersinn, dabei nicht banal, nicht allzu schlicht, naiv. Darin zumal liegt die hohe Kunst, generell bei Mozart, hier aber besonders. Und wohl kaum würde man es einem 13-jährigen Jungen zumuten wollen, diese Lebensgescheitheit sein Eigen zu nennen. Und irrt damit. Denn die Aufnahme des KV 414, die es hier zu betrachten (und zu bestaunen) gilt, stammt aus dem Jahre 1984. Der Solist zählt zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 13 Lenze. Und es ist in der Tat frappierend, mit welcher interpretatorischen Noblesse Jewgenij Kissin an der Seite der Moskauer Virtuosen unter der Leitung von Vladimir Spiwakov die drei Sätze des Konzerts durchmisst, wie er durch sie hindurchgleitet, beinahe auf den Flügeln des Gesangs durch sie hindurchschwebt, so, als habe er die ganze Weisheit der Welt und somit ihre Leichtigkeit gepachtet. Nichts Virtuos-Oberflächliches wohnte dieser Deutung inne, sondern ein Esprit, der Lockerheit und Substanz in eins zu setzen vermag, der auch die leichten Eintrübungen in allen Sätzen zur Kenntnis und ernst nimmt und dies alles mit einer kristallinen Klarheit formuliert, die an einen lebenserfahrenen Künstler gemahnt. Eine erstaunliche Aufnahme ist dies. Und nicht die einzige Überraschung des aus fünf CDs bestehenden Sets. Denn auch Schuberts Forellenquintett von 1985 zeigt Kissin von einer Seite, die viele nicht an ihm vermuten würden: als beinahe sachlich delegierender Primus inter pares, nicht als Gipfelstürmer. Kristallin ist hier sein Tonfall, dezent, delikat.
Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere, natürlich, kommt ebenfalls zum Vorschein. Und da hören wir ihn dann doch noch, den wilden, enthemmten Virtuosen, der seine Pranke in die Tasten taucht wie ein Löwe und eben auch wie dieser brüllt. Chopins Scherzo ist ein pianistischer Walkürenritt, einige der Préludes von Skrjabin dampfen nur so vor mystifizierender Ekstase, gleichfalls die ausgewählten Étude-tableaux von Rachmaninow. Auf erstaunliche Weise blass wirkt dagegen die Aufnahme des dritten Klavierkonzerts von Prokofjew. Die Kräfte scheinen gezügelt, ausgedünnt, und die Absprache zwischen den Moskauer Philharmonikern unter der Leitung von Andrej Chistiakov und Kissin scheint nicht genügend austariert. Wahrscheinlich würde die illustre Runde, die wir uns vorstellen, auch hier entschieden irren.

Tom Persich, 05.08.2007



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