home

N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Responsive image
Diverse

Nathan Milstein In Portrait – Some Memories Of A Quiet Magician

Nathan Milstein

Christopher Nupen Films/Naxos A 06CND
(255 Min., 1992) 2 DVDs

Es war ein Glücksfall sondergleichen, dass Christopher Nupen nicht locker gelassen hatte und den publicityscheuen Nathan Milstein doch noch vor die Kamera brachte. Was Nupen 1986 in der Stockholmer Berwaldhalle aufzeichnete, wurde ein Vermächtnis: Es sollte das letzte Konzert des damals 82-jährigen Geigers sein. Hätte er sich wenig später nicht die Griffhand verletzt, Milstein hätte wahrscheinlich bis zu seinem Tode 1992 weitergespielt, gesegnet mit einer Konstitution, wie sie keinem Kollegen je vergönnt war. Das Stockholmer Rezital, um dessen filmische Dokumentation Nupen später seinen zweitteiligen Porträtfilm aufbaute, zeigt einen Geiger, der dem Alter nur geringen Tribut zahlen musste. Die Finger laufen anno 1986 immer noch wunderbar flink, der Bogen ist nicht mehr ganz so reibungsfrei wie in jungen Jahren, aber er fließt wie gewohnt beherrscht und ruhig, er verleiht dem Ton gleichermaßen Nachdruck wie Güte, und die Musik leuchtet auf. Was Milstein zu Beginn seiner langen Karriere oft vorgeworfen wurde – innere Unbeteiligtheit – und später, seit den 1950er Jahren als "Objektivität" und Eleganz mehr und mehr Bewunderung fand, ist bis zum Schluss präsent, im Konzert, aber auch im persönlichen Gespräch. Mit verblüffender Offenheit und Naivität erklärt Milstein, dass die Geigentechnik eigentlich nicht allzu schwer sei, dass er zum Üben von seiner Mutter gezwungen werden musste, dass er später Klavierliteratur für sein Instrument transkribierte, weil ihm das gängige Repertoire zu einfach und bekannt vorkam, und dass man sich bloß selbst verdirbt, wenn man allzu kompliziert ist. Die schönsten Momente sind dabei nicht einmal Nupen selbst zu verdanken – dessen biedere Dramaturgie, bauchpinselnde Kommentare und ermüdende Superlative stehen eher im Widerspruch zu einem Künstler, der sich in aller Bescheidenheit jeden Tag neu erfinden wollte. Den klarsten Blick auf Milstein wirft sein jüngerer Kollege Pinchas Zukerman, der, obwohl ja selbst ein Star, dem alten Mann beim Dinner gegenübersitzt und aus dem Staunen und Schmunzeln nicht mehr herauskommt: "Nathan, hast Du wirklich ...?"

Raoul Mörchen, 26.05.2007



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Im Mondschatten: Während Neil Armstrong und Buzz Aldrin den Mond erkundeten, verbrachte Michael Collins, der dritte Astronaut im Bunde, pro Umrundung je 46:38 Minuten allein im Funkschatten des Erdtrabanten. Exakt so lang dauert auch dieses Album des Jazzpianisten Michael Wollny, der Parallelen zieht zwischen jenen historischen Ereignissen aus dem Jahr 1969 und der Corona-Pandemie. Die Einsamkeit ist hier der Konnex. So nahm Wollny, als die Welt aus den Fugen geriet, in Pandemie-bedingter, […] mehr


Abo

Top