Ihr endloser Atem und ihre hauchzarten Pianissimi waren ebenso berühmt wie ihre Allüren. In London unterbrach Montserrat Caballé eine Vorstellung, um dem Publikum einen Brief vorzulesen, in dem ihr das Management untersagte, mit Obst zu werfen. Ein Verbot, das die Diva umgehend brach: Sie nahm einen Apfel und feuerte ihn in den Zuschauerraum. In Barcelona brach sie eine Arie ab und wies zwei Damen zurecht, die in ihrer Loge nahe der Bühne flüsterten. Und bei einer "Traviata" traf den Dirigenten mitten in der Vorstellung ein Blumenstrauß der wütenden Kameliendame, die mit dem Tempo des Maestros nicht einverstanden war.
Sie konnte sich’s leisten. Damals war die Katalanin in gewissen Partien konkurrenzlos und eine der bedeutendsten Sängerinnen überhaupt. Heute ist sie ein Massen- und Medienphänomen, das Werbung für billiges Parfum macht ("Ich mag’s klassisch") und zum festen Bestandteil von Talkshows und Open-Air-Konzerten gehört. Der Film "Caballé - Beyond Music" vollzieht die Spuren dieser außergewöhnlichen, über vier Jahrzehnte währenden Karriere nach, vom ersten Gesangsunterricht über die Stationen Basel und Bremen bis zu den Opernheiligtümern von London, Paris, Mailand, Wien, Barcelona und New York, zu deren Göttinnen Caballé seit spätestens 1965 gehörte.
"Montse", wie sie genannt wird, plaudert also aus ihrem Leben, witzig, kurzweilig, sehr sympathisch. Ihr Mann, ihr Bruder, ihre Kinder, ihre Fans und Kollegen wie Domingo oder Joan Sutherland vervollständigen das Bild. Faszinierend sind die Filmdokumente legendärer Auftritte, darunter ihre Tosca aus Covent Garden und ihre Adriana Lecouvreur aus der Met. Unter filmischen Aspekten ist "Beyond Music" alles andere als Oscar-verdächtig (und wirkt oft, etwa wenn die Cover von Caballés CDs über den Bildschirm schweben, amateurhaft), aber das ist sekundär. Ob die Primadonna den Regisseur während der Dreharbeiten mit Äpfeln oder Blumen beworfen hat, wissen wir nicht.

Jochen Breiholz, 29.01.2005



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Ein paar vorgegebene Noten, aber auch viel frei Improvisiertes – fast wie im Jazz. Beschrieb Nils Mönkemeyer seinen neuen diskografischen Ausflug nach Italien jüngst im Radio. Und ja, wer sich etwa erinnert, was Patricia Kopatchinskaja dem Konzerte wie am Fließband produzierenden Antonio Vivaldi unlängst auf der Geige andichtete – zugeben deutlich radikaler, als Mönkemeyer hier vorgeht – fühlt sich darin bestätigt. Es gibt Spielraum. Nun ist Mönkemeyer Bratscher, begegnet also […] mehr »


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