Responsive image
Anton Bruckner

Messe Nr. 1, 5 Motetten

Luba Orgonásová, Bernarda Fink, Christoph Prégardien, Monteverdi Choir, Wiener Philharmoniker, John Eliot Gardiner

Deutsche Grammophon 459 674-2
(66 Min., 6/1996, 5/1998) 1 CD

Waren sie nicht herrlich komisch, diese Verirrungen: Der greise Karajan am zirpenden Vivaldi-Cembalo oder Glenn Gould beim Mozart-Frikassee? Die altdeutsch mahnende Weisheit "Schuster, bleib bei deinen Leisten" scheint, wenn auch nicht derart peinlich, auf dem Feld der Bruckner-Exegese besondere Berechtigung zu haben: Große Namen wie Böhm, Bernstein und kürzlich Boulez (liegt's am B?) hätten besser die Finger vom Eigenbrötler aus Linz gelassen.
John Eliot Gardiner hat gottlob nie jene deutsche (Un-)weisheit beherzigt, sondern sich längst in romantische und noch weitere Gefilde vorgearbeitet. Aber Bruckner - dieses katholische Unikum? Schon während seiner NDR-Zeit nahm Gardiner ein ungemein forsches "Te Deum" auf, das manchen Traditionalisten verschreckte: Wo bleibt die Anbetung?
Dieser drängende Impetus - mal dramatisch-flehend im Kyrie, mal stürmisch jubilierend wie im Gloria und Credo - durchzieht nun auch seine in Wien produzierte d-Moll-Messe. Rhythmisches Pulsieren und dynamische Extreme, das sind Gardiners interpretatorische Orientierungspfeiler. Gerade in dieser ersten der drei Bruckner-Messen, in der die späteren sinfonischen Reifezeugnisse angelegt, wenn auch noch nicht gänzlich ausgebreitet sind, scheint mir Gardiners beständiges Vorwärtstreiben angemessen. Der Hauptakteur, der Monteverdi-Chor, zeigt sich wider Erwarten nicht von seiner aseptischen, technisch perfekten, sondern von durchaus emphatischer Seite (die kurzen Solopartien lassen ebenfalls keine Wünsche offen). Ein entmystifizierter Bruckner also? Vielleicht, aber kein nüchtern-sachlicher.
Und die Motetten, die den noch unverhüllteren Blick auf den religiösen Bruckner gestatten? Gardiner lässt seine Profis wunderbar flächig aufblühen (etwa im "Os justi") - in einer schon sprichwörtlich makellosen Intonation -, er versagt ihnen jedoch zu sehr jenes Pianissimo, das den im reinsten Wortsinne "frommen", nach innen blickenden Bruckner zeigt. Zudem dürfen hier im Unterschied zur Messe seine (englischen) Soprane wieder einmal ihre kalte Strahlkraft demonstrieren, was der Zartheit dieser Glaubensbekenntnisse ebenfalls nicht zum Besten gereicht. So hat Gardiners weiße Bruckner-Weste doch noch einige Flecken abbekommen.

Christoph Braun, 08.02.2001



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Wenn man eine Umfrage über die Lieblingsjahreszeiten machen würde, dann würde der Winter dabei vermutlich eher schlecht abschneiden. Zu kalt, zu nass, zu dunkel – so die landläufige Meinung über diesen introvertierten Bruder des sonnensatten Sommers und der farbenfrohen Übergangszeiten. Nur Weihnachten, das bildet ein kleines, gemütliches (wenn auch für viele nicht unstressiges) Glanzlicht in der Winter-Tristesse. Doch der Winter ist weit mehr als nur die dunkle Jahreszeit, das hat […] mehr »


Top