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Giuseppe Verdi, Gaetano Donizetti, Francesco Cilea, Giacomo Puccini

Tenor-Arien

Joseph Calleja, Sinfonieorchester Giuseppe Verdi Mailand, Riccardo Chailly

Decca/Universal 475 250-2
(52 Min., 3/2003, 6/2003, 9/2003) 1 CD

"Wir haben IHN gefunden - den Tenor." Das sagte Alessandro Bonci, nachdem die Jury eines Gesangswettbewerbs in Parma 1914 den 24-jährigen Benjamino Gigli entdeckt hatte. An die Dolcezza des Italieners (auf den ersten Platten von 1918 zu hören) und dessen honigsüße Smorzature fühlt man sich zuweilen durch das erste Recital des 25-jährigen Calleja erinnert. Er besitzt die helle, weiche Stimme eines Tenore di grazia mit einem charakteristischen Timbre und einer berückenden Klangqualität. Seine Diktion ist klar und plastisch, die Aussprache eloquent.
Es mag auf das Einwirken des superb begleitenden Riccardo Chailly - atmende Phrasierung, fein dosierte Rubati - zurückzuführen sein, dass der Tenor aus Malta stets innerhalb seiner Mittel singt und nie versucht, den Novus Hercules zu spielen und hohe Töne mit breiten Backen herauszurauschen. Ein prächtiges Beispiel ist die Arie des Macduff ("Macbeth"), die er ganz verhalten und inwendig, wie ein schmerzliches Gebet, vorträgt. Auch im Lamento des Federico aus Cileas "L'Arlesiana" kommt er ohne das aufgesetzte Espressivo der veristischen Manier aus. Melodische Reprisen oder strophische Wiederholungen singt er mit reduzierter Dynamik; Gruppetti formt er leicht und kalligrafisch fein (Rezitativ zur Herzog-Arie "Ella mi fu rapita"); Phrasen-Enden lässt er mit einem seidenfeinen Fil di voce ausklingen. Hinzu kommt die klangliche Morbidezza für elegische und schmerzliche Phrasen - etwa das hinreißende "Bella tu sei" am Ende von Maurizios "La dolcissima effigie" aus Cileas "Adriana Lecouvreur".
Keine Schwächen? Doch, durchaus. Gelegentlich gibt es Momente, in denen der Tonanschlag nicht ganz sicher ist, insbesondere unmittelbar nach hell fokussierten Tönen in der hohen Lage. Den Tönen der höchsten Lage, jenseits des eingestrichenen "b", fehlen (noch?) Festigkeit und Sicherheit; sie kosten, wie die Cabaletten des Alfredo und des Herzogs erkennen lassen, große Anstrengung. Sie werden auch nicht, wie etwa von Juan Diego Flórez, con attacca angesprungen, sondern angeglitten und nicht sauber fokussiert. Doch sei daran erinnert, dass Tito Schipa diese Töne nie hatte und dass Gigli lange brauchte, um ein strahlendes "c" zu singen.
Kein Zweifel, dass der junge Sänger ein außerordentliches Talent ist, das eine pflegliche Behandlung verdient - und nicht absurde Spekulationen über die großen Partien von Verdi und Puccini.

Jürgen Kesting, 01.05.2004



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