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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



2006 wird als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem die deutsche Zeitungslandschaft ihr Herz für die Klassik entdeckt hat. Nach Krimi- und Kinderbuchreihen, nach Hörbüchern und Kino-Editionen, mit denen man eine neue Leser(ver)bindung vorangetrieben hat, liefert man sich nun den Wettkampf: Wer hat die schönste Klassikbox im ganzen Land? Nicht nur aus Designergründen und wegen des kompetent geschriebenen Booklets hat aber jetzt dieses goldene Hochformat-Paket die Nase vorn, für die sich eine Hauptstadt-Tageszeitung mit den Hauptstadt-Musikanten zusammengetan hat, die besser bekannt sind als "Berliner Philharmoniker". Im Gegensatz zu den mäßig plausiblen Themen- und Repertoirezusammenstellungen der Konkurrenz, die nur mit altbekannten Katalogdauerläufern von Callas & Co. locken können, ist die 12-CD-Sammlung mehr als nur ein Geburtstagsgeschenk, mit denen die Berliner Philharmoniker ihren 125. Jahrestag seit ihrer Gründung begehen. Tatsächlich ist die musikalische Chronik quer durch das 20. und frische 21. Jahrhundert ein Füllhorn von bislang unveröffentlichten Aufnahmen, die im Archiv des Orchesters bzw. eines örtlichen Radiosenders schlummerten.
Dazu gehört eine ungemein tiefe und ernste Interpretation von Tschaikowskys "Pathétique", die der russische Meistergeiger David Oistrach 1972 verantwortete und mit der er sein Talent als Dirigent unter Beweis stellte. Zu den Ausgrabungen zählen aber ebenfalls eine lichtdurchflutete "Haffner-Serenade" Mozarts (Claudio Abbado, 1996) oder Debussys "Jeux", denen Sergiu Celibidache 1948 sämtliche koloristischen Reize bei steter Bewahrung des musikalischen Organismus entlockte. Und selbst das Eröffnungskonzert der Berliner Philharmonie am 15. Oktober 1963, bei dem Karajan Beethovens Neunte dirigierte, war überraschenderweise bislang von der Schallplattenindustrie noch nicht ausgeschlachtet worden. Viele solcher Filetstücke finden sich auf den meisten CDs, die jeweils einem BPh-Dirigenten gewidmet sind. Jedoch hat man nicht zwanghaft auf unbekanntes Material Wert gelegt, sondern stets den Wandel im Blick gehabt. Weshalb der Bogen von der ersten elektrischen Aufnahme von Bruckners siebente Sinfonie (Jascha Horenstein, 1928) über Furtwänglers berühmte, wildumtoste fünfte Beethovens aus dem Kriegsjahr 1943 bis zu den vital-geschliffenen Bachiaden eines Nikolaus Harnoncourt (2002) geschlagen wird. Lebendige Musikgeschichte, die ihrer Zeit voraus war und ist - das ist der eigentliche Pluspunkt von "Im Takt der Zeit".

Guido Fischer, 17.11.2006



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