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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



Zeitgenössische Musik als bunte Fernsehabendunterhaltung – was selbst heute und abgesehen von ein, zwei Spartensendern immer noch ein Tabu ist, musste gerade Ende der 1960er Jahre für jeden Quotenerbsenzähler schon fast einem Himmelfahrtskommando gleichkommen. Dennoch ließ man sich 1969 beim NDR auf das Wagnis ein, eine gerade an der Hamburger Staatsoper uraufgeführte Oper fürs Fernsehstudio zu produzieren. Dabei hatte Opernintendant Rolf Liebermann mit dem Polen Krzysztof Penderecki nicht gerade einen Peter Frankenfeld der Neuen Musik beauftragt, ein historisch zwar abgesichertes Sujet zu vertonen. Doch die Vorlage "The Devil´s of Loudon", die immerhin von Aldous Huxley stammte, war nun wirklich keine leichte Kost. Immerhin führte die Bühnenfassung von John Whiting zurück ins beginnende 17. Jahrhundert und ins südfranzösische Städtchen Loudun, wo die bucklige Nonne Jeanne sich in erotisch heftigen Fantasien verliert. Während ihr Angebeteter, der Pfarrer Urbain Grandier, sich lieber anderweitig als geistlicher Don Juan erprobt und schließlich in einem politischen Schauprozess geopfert wird. Zumindest für den Mut, so ein heißes Themeneisen anzupacken, kann man rückblickend durchaus die Fernsehschaffenden bewundern. Wenn man aber jetzt zu der DVD-Erstveröffentlichung von "Die Teufel von Loudun" die Stimmen hinzuzieht, die auf die Qualität der ebenfalls 1969 entstandenen Stuttgarter Inszenierung durch Günther Rennert verweisen, kann man der Hamburger Version noch behänder einen rein dokumentarischen Wert attestieren.
Die Regie von Konrad Swinarski, die vom TV-Opern-Spezialisten Joachim Hess eingerichtet wurde, bietet einen holzschnittartigen Einblick in ein Jahrhundert, das eine Spur der Verwüstung und des menschlichen Leids hinter sich herzog. Bei aller karikaturhaften Überzeichnung etwa der beiden Denunzianten Adam und Mannoury und trotz der burlesk in Szene gesetzten Hungerleider – Blut fließt hier genauso wenig durch die Figuren, wie die deutsche Übersetzung von Erich Fried erstaunlich harmlos und leblos ist. Dieser Makel des Librettos wiegt umso schwerer, da Penderecki ihm in bester Schauspieltradition nahezu das gesamte Feld überlassen hat. Bis auf ein paar Neue-Musik-Konventionen wie zusammengeschmiedete Akkorde und grell aufgestellte Vokaleruptionen (Tatiana Troyanos hat als Jeanne da noch die dankbarste Partie) dräut und brodelt es im Hintergrund munter atmosphärisch, aber zahnlos wie berieselnder Muzaksound. Viele zeitgenössische Opern haben sich ja seitdem im Opernbetrieb nur schwer behaupten können. "Die Teufel von Loudun" zeigen, warum.

Guido Fischer, 11.01.2008



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