Responsive image
Johann Paul von Westhoff, Friedemann Amadeus Treiber

Sechs Suiten für Violine solo, Sonate Nr. 2 für Violine solo “Tombeau” (1996/97)

Friedemann Amadeus Treiber

Podium WOW-019-2
(65 Min., 6/2002) 1 CD

Es ist schon verrückt: Da kramen die Musikwissenschaftler in den Archiven, holen Sinfonien, Sonaten, Messen und Konzerte des allerletzten Kleinmeisters hervor, überschwemmen damit den Plattenmarkt, aber die richtigen Sensationen bleiben Jahrzehnte lang im Verborgenen. Und von Westhoffs Solosuiten sind eine Sensation, denn sie werfen ein völlig neues Licht auf einen der spektakulärsten Werkzyklen Johann Sebastian Bachs: Als der 18-jährige, von immensem Lerneifer beseelte Bach seine erste Anstellung in Weimar innehatte, weilte der damals 47-jährige Violinvirtuose Johann Paul von Westhoff (1656-1705) in derselben Stadt, wo er der fürstlichen Hofkapelle angehörte. Es war die letzte Station eines bewegten Lebens: Der in Dresden geborene Westhoff war Soldat gewesen, hatte als Fähnrich einen Feldzug gegen die Türken mitgemacht, er wurde später Violinvirtuose, reiste durch ganz Europa und lebte vor seiner Weimarer Stellung als Professor in Wittenberg. Ende der 90er Jahre des 17. Jahrhunderts hatte er eine Reihe von Violin-Solowerken veröffentlicht, in denen er das mehrstimmige Geigen-Spiel auf eine bis dahin ungeahnte technische Höhe trieb. Es gilt als sicher, dass Westhoff Bach direkt beeinflusst hat, so dass dessen - nach bisheriger Meinung geradezu aus dem Nichts entstandenen - Solosonaten und -partiten durchaus musikhistorische Vorbilder besitzen. Bereits in den 70er Jahren unseres Jahrhunderts wurden Westhoffs Solowerke neu verlegt, doch eine vernünftige Aufnahme fehlte bislang. Der Geiger und Komponist Friedemann Amadeus Treiber stellt sie uns nun in einer sehr engagierten Aufnahme vor, die auch verlegerisch auffällt: Hingebungsvoll reichhaltig ist das Booklet mit Informationen über den vernachlässigten Westhoff gefüllt. Die Liebe zum Detail und die Faszination des Themas macht die Unübersichtlichkeit der Lexikonauszüge und Beiträge zu verschiedenen Aspekten vergessen. Westhoffs Werke zeigen sich kompositorisch freilich nicht auf der Höhe von Bachs Komplexität; trotzdem spürt auch der weniger gebildete Hörer sofort die Pionierleistung des verkannten Barockvirtuosen. Ein Zusatz-Track führt strukturelle Parallelen zwischen Bach und Westhoff vor, die freilich auch im 48-seitigen (!) Beiheft abgehandelt werden. Friedemann Amadeus Treibers effektvolle, atonal-avantgardistische, aus dem Grundmaterial eines Tritonus entwickelte Sonate Nr. 2 fällt aus dem so aufwändig gesetzten Barockrahmen vollkommen heraus.

Oliver Buslau, 17.05.2003



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Auf zu neuen Ufern: Wer nun zum zweiten Advent schon die Nase gestrichen voll hat von der Weihnachtsmarktbeschallung, aber noch immer nicht so richtig in Stimmung gekommen ist, kann es mal mit einem Seitenblick probieren. Die lange Chortradition der Briten hat ein reiches Weihnachtsliedrepertoire entstehen lassen, darin finden sich mittelalterlich-herbe Melodien, festlich-eingängige Choräle und auch harmonisch üppige Chorsätze der Romantik, die es mit Brahms und Reger spielend aufnehmen […] mehr »


Top