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Joseph Lanner

Walzer und Galopps

Wiener Johann-Strauß-Orchester, Willi Boskovsky

EMI 5 74372 2
(75 Min., 5/1971, 5/1972, 1/1977)

Waren das noch Zeiten: Fernab vom Starkult der heutigen Neujahrskonzerte aus Wien machte sich ein Mann international für den Wiener Walzer stark, sorgte für wirklich wienerische Einspielungen von Orchesterstücken und Operetten: Fünfundzwanzig Jahre lang war Willi Boskovsky (im Hauptberuf Konzertmeister der Wiener Philharmoniker) „der“ Neujahrsdirigent – und für mich ist er es bis heute geblieben.
Seine Aufnahmen sind sensationell: Bereits in den siebziger Jahren ehrte Boskovsky (unabhängig vom Prosit-Neujahr-Spektakel) den wahren Walzerkönig Joseph Lanner. Er war nämlich der Pionier des Dreivierteltakts, der als erster Walzerfolgen mit Titeln und teilweise programmatischen Inhalten schrieb und sie zum Aushängeschild des Kaiserreiches machte. Johann Strauß Vater, der später die Lorbeeren einheimste, ging noch bei Lanner in die Lehre und sprang gelegentlich kompositorisch für den überarbeiteten Förderer ein. Lanner wurde nur zweiundvierzig Jahre alt und starb 1843. Strauß konnte so aus seinem Schatten treten und mit seiner „Dynastie“ zum „Walzerkönig“ aufsteigen.
Lanners Walzer und Polkas sind vielleicht nicht ganz so aufwändig orchestriert und harmonisch nicht so wagemutig wie die seiner Nachfolger, doch seine Gabe zu Melodienerfindung ist weitaus reicher als bei Strauß ausgeprägt. Sein genialstes Werk, der Walzer „Die Schönbrunnner“, ist ein Juwel dieser CD und kann es mit jedem Strauß-Opus aufnehmen. Besonders originell: Das Stück „Dampf-Walzer und Galopp“, mit dem Lanner als einer der ersten überhaupt der neuen Erfindung der Eisenbahn ein klingendes Denkmal setzte. Die CD, die zum Lanner-Jubiläum (200. Geburtstag) erscheint, zeigt den Komponisten als einen der ersten U-Musiker moderner Prägung.

Oliver Buslau, 17.05.2001



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