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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 3 (Fassung von 1873)

Royal Scottish National Orchestra, Georg Tintner

Naxos 8.553454
(77 Min., 8/1998) 1 CD

Mit seiner Dritten handelte Bruckner sich nichts als Ärger ein: Die Premiere war ein Desaster und anschließend war der Komponist bei den konservativen Wienern als Wagner-Kopierer verschrien – hatte er es doch gewagt, Zitate des Bayreuther Meisters in die Sinfonie einzuarbeiten. Der Misserfolg seines Werks veranlassten Bruckner, es noch zweimal umzuarbeiten und dabei jedes Mal zu kürzen und, nicht zuletzt, auch den Vorstellungen konventioneller Sinfonik anzugleichen.
Wie ungewöhnlich, ja außerirdisch diese Sinfonie auf eine an klassizistischen Formvorstellungen orientierte Hörerschaft geklungen haben muss, lässt sich anhand der erst 1977 wiederveröffentlichten Urfassung nachvollziehen. Sicherlich etwas rauer, ungeschliffener, ja vielleicht auch ungeschickter als die bekannte Revision präsentiert sich die Dritte im Originalgewand, gleichzeitig jedoch auch moderner und zukunftsweisender, mit zum Teil scharfen Dissonanzen und einer expansiven Formgestaltung, wie Bruckner sie nur in seiner Fünften, Achten und Neunten Sinfonie noch steigern sollte.
Um diesen Rohdiamanten zum Funkeln zu bringen, braucht es allerdings einen Dirigenten wie Georg Tintner, der sich Zeit nimmt, dieses Gebirge von einer Sinfonie in aller Ruhe vor uns auszubreiten. Aus den kleinsten Bewegungen und Motivteilen heraus ist die Musik bei ihm entwickelt, sodass die Dynamik weniger terrassenartig klingt als gewohnt und die Höhepunkte, die in minder begabten Händen oft grobschlächtig wirken können, ihre innere Notwendigkeit erfahren. Tintner benötigt fast zwanzig Minuten länger als andere Interpreten dieser Erstfassung und nutzt diese Zeit, eine unendliche Fülle kostbarer Details in mustergültiger Transparenz zum Klingen zu bringen. Auch wenn das Orchester nicht in allen Momenten über die erforderliche Klangkultur verfügt, ist dies ist eine Sternstunde der Bruckner-Interpretation.

Thomas Schulz, 30.03.2000



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