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Erich Wolfgang Korngold

Lieder

Dietrich Henschel, Helmut Deutsch

HMF/Harmonia Mundi HMC 901 780
(75 Min., 11/2001) 1 CD

Ein Komponist, der vor hundert Jahren von Arthur Nikisch aufgeführt wurde, der musste flügge geworden sein. Für Erich Wolfgang Korngold lag aber in den Teenager-Jahren noch eine oft unüberwindbare Hürde vor ihm: sein Vater Julius. Als gefürchteter Großkritiker in Wien war er es auch, der die Veröffentlichungspolitik seines Sohnes koordinierte.
So auch beim "Eichendorff"-Liederzyklus (1911), dem der beschwörende Untertitel "So Gott und Papa will" nichts half. Eigentlich als op. 5 von Korngold jr. eingeplant, verweigerte der Vater die Freigabe der zwölf Lieder. Was schlicht nicht verständlich ist, denn die Ersteinspielung durch Dietrich Henschel und Helmut Deutsch belegt Korngolds frühreifen Sinn für großes Lied-Panorama; für die kunstvoll-konturierte Handhabung des späten 19. Jahrhunderts, für hochexpressiven Tiefengang und schlichte Schönheit - und das alles ohne Wienerische Jugendstil-Ornamentik. Auf süßliches Säuseln oder gar spätromantischen, gleichmacherischen Klangfluss verzichtet Henschel daher zu Recht und macht sich diese Ausgrabung mühelos leicht und mit vorbildlicher Artikulation zur Herzensangelegenheit.
Die Ernsthaftigkeit, mit der Henschel und Deutsch Korngolds Lieder angehen, zeigt sich auch bei den weiteren Werken dieses Korngold-Porträts. Die "Drei Lieder" op. 18 des Siebenundzwanzigjährigen sind wundersam verstörende Gesänge, voll spröder Dissonanz und theatralischer Kraft. Die im amerikanischen Exil entstandenen "Fünf Lieder" op. 38 sind bei aller ideomatischen Vielsprachigkeit und pathetischen Großzügigkeit nicht nur Beleg, warum Korngold einer der erfolgreichsten Hollywood-Komponisten war. Sie sind Ausdruck eines Vertriebenen, der von Europa nicht loslassen konnte und wollte. Weshalb Henschels Pioniertat auch eine von kulturhistorischem Rang ist.

Guido Fischer, 19.09.2002



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