Klavier-Archäologie vom Feinsten und “very british”: In Folge 18 der wunderbaren Entdecker-Reihe “Das Romantische Klavierkonzert” haben die findigen Köpfe von Hyperion wieder zwei hochinteressante und zu Unrecht vergessene Juwelen aus dem Umfeld des Wiener Fin de siècle ausgegraben, und es einem der herausragendsten Vertreter der neuen, intellektuellen Virtuosengeneration, dem fünfunddreißigjährigen Franko-Kanadier Marc-André Hamelin, anvertraut.
Beide Komponisten, vor allem Joseph Marx (1882-1964), standen lange im Schatten der Wiener Modernisten um Arnold Schönberg, und Marx hat seine traditionalistische Ausrichtung noch im Titel seines 1919 komponierten “romantischen” Klavierkonzerts gerechtfertigt. Er verbleibt auch ganz im tonalen Rahmen seiner Vorbilder Reger und Strauss.
Dagegen hat das 15 Jahre jüngere “Wunderkind” Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) bereits drei Jahre später in seinem für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein komponierten “Konzert in Cis für die linke Hand” das Tor zur Moderne weit aufgerissen, ohne gleich der radikalen Atonalität der “Neuen Musik” zu verfallen. Es ist einer der ideenreichsten und hochrangigsten Beiträge zu diesem ungewöhnlichen Genre und keine Spur schlechter als die bekannt gewordenen Schöpfungen Ravels oder Prokofjews.
Hamelin versteht es glänzend, die hier angestrebte Illusion von zweihändigem Klavierspiel zu erzeugen und die schwierige Aufgabe ganz mühelos zu meistern.

Attila Csampai, 31.03.1998



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