"Himmel, er macht mich weinen, so wahr ist diese Szene", dringt es im zweiten Akt des Bajazzo aus der Zuschauerschaft. Längst treten Bajazzo und Colombine aus der armselig erübten Komödie hinaus in das nicht minder jammervolle Eifersuchtsdrama, aus dem Spiel im Spiel in ein anderes. Mit dem berühmten Satz: "La comedia el finita" enden zwei Komödien - die Bühnenwirklichkeit hat die mühsam erhaltene Ebene des Künstlichen gleichsam geschluckt. Die Doppeldeutigkeit, die Leoncavallos Künstlerdrama durchzieht, übersehen alle, die nur "vesti la giubba" flöten oder die Musik als roh oder grell abtun. Sie muss das sein, möchte sie doch beweisen, dass es ihr gelingt, mit Mitteln der Kunst den wahrhaftigsten Affekt zu schildern. So ist das Werk fordernder als Mascagnis verschwisterte "Cavalleria".
Die ganz großen, unverwechselbaren Verismo-Stimmen sind offenbar ausgestorben. Das ist kein modisches Jammern. Man höre den Prolog. Zwischen dem gefeierten Carlos Álvarez und Tito Gobbi liegen Welten. Nicht schlechteres Stimm-Material trennt uns von der Zeit legendärer Produktionen - hier fehlt es an der Durchdringung der artistischen Programmatik, an der Álvarez ziemlich uninspiriert entlangsingt. Dabei ist der Prolog zugleich Keimzelle der aufgeladenen Handlung. Ein Wetterleuchten des Verhängnisses?
José Cura meistert den Titelpart gerade beim Eifersuchtstoben zwar mit einiger schauspielerischer Bewegung, aber stimmlich kann er den innerlichen Kampf von Aufgabe, Verzweiflung und trotzigen Durchhaltewillen, wie er sich in der berühmten Arie mit dem Schluchzer bündelt, ebenso wenig nachzeichnen wie auf seiner "Verismo"-CD (siehe Rezension). Aller Starruhm ändert nichts daran, dass man so einfach einen Del Monaco oder di Stefano nicht beerbt.
Stärker sind Barbara Frittolis Nedda und der Silvio Simon Keenlysides. Ihr Liebesduett gerät furios, und dass diese Passagen auch im Orchester bis in die herrlichen Solokantilenen von Cello und Violine gefeilt geraten, ist dem packenden Dirigat Riccado Chaillys zu danken. Präzis und ein wenig scharf wie die italienischen Orchester spielt das Concertgebouw, doch nie knallig. So ist es nicht die musikalische Rohmasse, die die Aufnahme ins Mittelmaß verweist – es fehlt die überlegte stimmliche Ausdeutung der zwischen den Rollen fluoreszierenden Charaktere.

Alfred Kornemann, 12.10.2000



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