Yo-Yo Ma, Daniel Barenboim, Gidon Kremer und das für alle Trends allzeit bereite Kronos Quartet haben zweierlei gemeinsam: die Liebe zum Tango und die Verehrung für Astor Piazzolla, der den Tango "erfunden" hat oder doch eher wohl: dem Leben abgelauscht in den Bars von San Telmo, dem Altstadtviertel von Buenos Aires. Piazzolla ist 1992 gestorben, die Entdeckung der Hörmarke Tango kam erst später. Der Tango wurde auch zum willkommenen Beleg dafür, wie aufgeschlossen klassische Künstler und ihre Schallplattenlabels für die Grenzwelt zum großen "U" sein können. Kremer, der dem Tango à la Piazzolla inzwischen auf mehreren Platten gehuldigt hat, verstieg sich gelegentlich sogar zu der Behauptung, dass mit diesem Komponisten nicht zu flirten sei, so wenig wie eben mit Mozart, Schubert oder Chopin. Denn auch Piazzollas Musik spiele stets "auf Messers Schneide".
Geschlossene Türen musste Lothar Hensel, der in Buenos Aires und Paris Bandoneón studierte, mit seiner Produktion also nicht eintreten: Tango ist längst "in". Die eigentliche Bedeutung dieser Platte mit dem womöglich sogar selbstironischen Titel "Tangomanía" (nach einer Komposition Hensels) ist, dass sie neben den Originalen, zwei Bandoneón-Konzerten Piazzollas, selbstbewusst besteht. Sowohl als Instrumentalist wie als Komponist ist Hensel dem Übervater Piazzolla ebenbürtiger Partner im Geiste. Auf der Platte wirbeln die beiden munter durcheinander, Unterschiede sind kaum festzustellen. Lebendiger, zeitgemäßer, mitreißender kann man Tango kaum spielen.

Andreas Obst, 31.01.2004



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