Viel Mut wird dem neugierigen Hörer im Booklet erstmal nicht gemacht: Andromeda und Perseus, so heißt es, sei als Seria-Festoper zum 15. Regierungsjubiläum von Erzbischof Colloredo 1787 im Grunde ein anachronistisches Stück gewesen. Zudem seien die Librettoverse Gianbattista Varescos weitschweifig und auch das Urteil von Leopold Mozart zur Komposition liest sich nicht gerade schmeichelhaft: Michael Haydn, so meinte Mozart nämlich, habe zur theatralischen Komposition "kein Genie". An all dem ist durchaus etwas dran - und doch besitzt diese Andromeda Reize, die den Versuch einer Rettung lohnen. Diesen Versuch starteten schon die Zeitgenossen, die Varescos Verse für spätere Aufführungen ins Deutsche übertrugen und die Rezitative durch gesprochene Dialoge ersetzten. (Die Aufnahme bietet statt des Dialogs eine Zusammenfassung der Handlung durch einen Erzähler.) Haydns Musik tut dieser Eingriff gut, denn er verstärkt ihren volkstümlichen Charakter - der sich zu einer ernsten italienischen Oper tatsächlich wenig schickt. Als moderner Perseus versucht sich auch Reinhard Goebel. Zwar kann und will der Alte-Musik-Spezialist diese Andromeda weder aus ihren Koloraturketten noch von der fast überreichen Instrumentation befreien, aber er rettet die Musik, indem er sie in ihrer sinfonischen Anlage ernst nimmt: so dass man - zugespitzt gesagt - eine Reihe von blitzsauber gespielten Instrumentalstücken mit obligater Gesangsbegleitung genießt. Angenehm fällt Goebels lockerer und im Unterschied zum Umgang mit historischen Instrumentarium nie zum Harschen neigender Zugriff auf. Heike Porstein als Andromeda ist dem Sopran von Christine Wolff (Perseus) in Timbre und Fokus überlegen; kleine Abstriche sind auch bei Tenor Max Ciolek in Kauf zu nehmen, der seine Höhe nie völlig unangestrengt erreicht und dessen Koloraturen etwas luftig wirken. Eine Entdeckung, die aber etwas Mut verlangt.

Carsten Niemann, 17.11.2006



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