"Diese CD heißt TINTO, weil sie so farbig ist wie Wein oder Blut". Und Wein und Blut brauche es, um diese Musik zu leben, meinen die drei Alte-Musik-Spezialisten, die sich hier "Los Otros", die "Anderen" nennen. Richtig so! Denn es ist schon ein ganz besonderer Saft, den sie mit Gamben, diversen Lauten und Barockgitarren abfüllen: Die sich rauschhaft steigernden Passacaglien des spanischen Barock, die geradezu psychedelischen Chitarrone-Werke des Venezianers Girolamo Kapsberger und die deutlich außereuropäisch inspirierten, zuckenden Tanzrhythmen der Hispano-Mexikaner Corbetta und de Murcia verbinden sich zu einem Album der Leidenschaftlichkeit und Trance.
Improvisiert wird nach Herzenslust und ohne Tabus: der Jazz dürfte Mut gemacht haben zu sparsam eingesetzten "blue notes" (wir wissen, dass einige Musiker der Zeit ihre Kompositionen mit "falschen" Tönen würzten), in der arabischen Lautenmusik entdeckte man wieder, wie sich die ikonografisch verbürgten Perkussions-Effekte auf europäischen Lauteninstrumenten darstellen lassen und die spanisch-mexikanische Folktradition lehrte, wie man eine Sarabande so verführerisch spielt, dass wir jetzt nachvollziehen können, warum dieser Tanz einst von der Inquisition verboten wurde. Ein mutiges Experiment, dem man, ohne die Musiker wegen ihres scheuklappenfreien Suchens nach dem persönlichen und damit "heutigen" improvisatorischen Ausdruck aus der Alte-Musik-Gemeinde exkommunizieren zu wollen, auch viele neue Freunde außerhalb der Klassikregale wünschen sollte. Wegen des Verführungspotenzials...

Carsten Niemann, 02.03.2003



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