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Enrique Granados

Sämtliche Klavierwerke

Martin Jones

Nimbus/Naxos NI 1734
(7/2000, 8/2000) 6 CDs

Ist eine nationale Musiksprache besonders eigentümlich, so wie die Spanische, hält man "Eindringlinge" im allgemeinen für unfähig, den typischen Ton zu treffen. In das Albéniz-Granados-Kernrepertoire wagen sich neben den Spaniern allenfalls noch Franzosen. Und nun legt ausgerechnet ein Brite die erste vollständige Einspielung des Klavierwerks von Enrique Granados vor. Martin Jones pflegt allerdings - ungewöhnlich genug - ein enormes iberisches Repertoire, und seine hervorragenden Szymanowski-Aufnahmen bewiesen sein Gespür für die monströsen und betäubenden Stoffe der Spätromantik.
Jones nähert sich Granados mit dem gesamteuropäischen Stil der nachlisztschen Generation im Hinterkopf. Das "Allegro de concierto" ist so ein Bravura-Stück, in dem sich spanische Melodik und der entfesselte Satz der Transzendental-Etüden verbinden. Neben Alicia de Larrochas teilweise überdreht rasanter Einspielung von 1967 wirkt Jones Beginn, als wolle er sich in der Manier fleißiger Professoren durcharbeiten, die nicht selten ihr Heil in solchen philologischen Werkschauen suchen. Doch als wisse er, dass man ihm die rücksichtslosen motorische Räusche ohnehin nicht abnimmt, macht er Distanznahme zu einer Stärke.
Jones lässt das Wogen immer wieder verebben, um die Piano-Schattierungen der Übergänge feinsinnig auszukosten. Jones lauscht gleichsam hinter die Kulissen dieser scheinbar eindeutigen Musik. Es scheint, als habe er dieses behutsame Bremsen motorischer Energien zum Rezept für den heikelsten Teil seiner Unternehmung erkoren: die frühen zwölf "Danzas españolas". Näher war Granados der Volksmusik seiner Heimat nie, und ein Spanier wird sich ihrem realen Tanzcharakter kaum entziehen können. Für Jones aber sind das keine wirklichen Tänze mehr, gefangen in ihren rhythmischen Mustern. Wo es eben geht, bricht er ihre Bewegungskräfte.
"Andaluza" ist ein Höhepunkt. Das ist Granados' bekannteste Komposition, von Rubinstein über Michelangeli und Magda Tagliaferro hat sie jeder gespielt. Jones aber bietet die introspektivste aller Fassungen - eine immer wieder stockende, fast zerbrechende Reflexion über ferne Gitarren und Gesang. Klanglich ausgesprochen verfeinert umkreist der britische "Repertoire-Eindringling" den verbotenen Bezirk des folkloristisch-Spanischen. Es ist der Geist spätromantischer Skepsis, der Jones zu ungemein zarten, originellen Lösungen führt.
Bei den "Goyescas" steht er nicht unter dem Zwang, sich einer fixierten Deutungstradition zu stellen, er ist hier mitten im spätromantischen Fahrwasser. Darum vielleicht ist sein Spiel zwar gediegen, aber nicht so persönlich wie in den "Danzas".
Großes Vergnügen bei dieser 6-CD-Box bereitet es, Jones beim Erkunden völlig unbekannter Regionen zu folgen. In den unzähligen Charakterstücken, seien es auch bloße Gelegenheitskompositionen, spürt man immer die liebevolle Hand. Martin Jones' Einspielung ist nicht nur sorgfältig bis zum letzten Splitter, sie zeigt auch, dass dieses durchglühte spanische Idiom sich dem behutsamen "Fremdling" keinesfalls verschließt. Eine diskografische Großtat darf man diese Werkschau durchaus nennen.

Matthias Kornemann, 20.09.2001



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