Giordanos "Andrea Chenier" gehört zu den veristischen Schockern, die man in gewissen Abständen einfach immer wieder hören muss. Um dann festzustellen, dass sie zwar überaus effektvoll emotional aufgeladen sind und nach allen Regeln der Kunst niederste Operninstinkte lustvoll treffen, dass man ihrer aber auch schnell überdrüssig wird. Bis zum nächsten Mal. Irgendwie wie ein junger, unerfahrener Liebhaber. Chenier, das Glück des Augenblicks. Nur "La mamma morta", das "Improvvsio" und "Nemico della patria", allesamt überzeitliche Wonnen, sind davon ausgenommen. Und natürlich "Vicino a te", das reißerisch fulminate Schlussduett Maddalenas und Cheniers.
Anstatt den Triumph ihrer Liebe zu beschwören, liefern sich Maria Guleghina und José Cura darin eher einen Kampf: Wer kann lauter? Trotzdem, die beiden machen ihre Sache gut, auch wenn man sich den Chenier um einiges schöner gesungen vorstellen kann. Cura ist eher ein südländischer Macho und Kraftprotz als ein feinfühliger französischer Poet. Aber ein beeindruckender. Ein Theatermensch, der weiß, wie er die Bühne beherrschen kann. Und auch La Guleghina ist darin Profi. Carlo Guelfi, Typ "italienischer Buchhalter", kann mit diesen beiden Turbosängern nur bedingt mithalten. Giancarlo del Monaco, hier Regisseur und Ausstatter in Personalunion, liefert einen traditionellen "Chenier" mit einen paar schönen Details ab. Französische Revolution als große Oper, Giordano eben: Glück des Augenblicks.

Jochen Breiholz, 16.09.2006



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