Als sein Welterfolg "Cavalleria rusticana" fünfzig Jahre alt wurde, bat man Pietro Mascagni, sein unverwüstliches Erstlingswerk für die Schallplatte einzuspielen. Mascagni ließ es sich nicht nehmen, seine Hörer in einer wunderbar opernhaften Ansprache zu begrüßen. Ein Hauch lächerlich-bombastischer Duce-Rhetorik schwingt darin mit, immerhin schrieb man 1940.
Dieser Sprachgestus lässt fühlen, wie fremd uns die Gefühlskultur dieser Epoche schon ist. Obwohl Benjamino Gigli ein schwacher Schauspieler gewesen sein soll, ist sein Turiddu theatralischer, emotionsgesättigter, als das heute denkbar wäre; stimmlich ist das eine Vorstellung, die selbst Mario del Monaco überragt. Die Ausdruckskontraste dieser "Cavalleria" sind tatsächlich historisch. Was damals glaubhaft war, kann eine Produktion unserer Tage nicht einmal mehr imitieren.
So herrlich finstere Ehrenmänner wie diesen Alfio gibt es heute ebensowenig wie einen Turiddu, der so herzbewegend schluchzt beim Abschied von seiner Mama. In den affektgeladensten Momenten dieser Oper weicht Gesang dem gesprochenen Wort, und die rau überzeichnete Verfluchung Turiddus durch Santuzza oder die gellende Todesnachricht am Ende lässt die heute fast schockierende Unmittelbarkeit ahnen, mit der man dieses Genre damals offenbar auf die Bühnen stellte. In den fünfziger Jahren schon musste man diesen Stil mit rascheren Tempi und einer gewissen Grellheit der Effekte beschwören.
Der Komponist hört seine "Cavalleria" weniger scharf, als wir das von Tullio Serafin kennen (siehe Rezension), weniger präzise auch, er neigt zu breiten Tempi, und er gibt in den Ensembleszenen des Beginns gerne noch etwas nach. Außerdem formuliert Mascagni die lyrischen Schönheiten seiner Oper mit größter Sorgfalt aus. Harmonisch so kostbare Takte wie jene nach Santuzzas Fluch zelebriert ihr Schöpfer langsam und liebevoll, als wolle er uns bedeuten, den Lyrismus des Werkes ebenso zu würdigen wie seine emotionalsten Momente.

Matthias Kornemann, 04.10.2001



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