Im Schatten Mozarts lauern viele Entdeckungen. Es spukt nicht nur mancher große musikalische Geist im Dunkel der Vergessenheit, auch interpretatorisch seufzt manche eigenwillige Stillösung aus der Epoche zwischen Rokoko und Frühromantik nach Erlösung. Eine der wichtigsten unbekannten Größen in diesem Schattenreich ist der in Italien ausgebildete Dresdener Hofkapellmeister Naumann (1741 - 1801). In guten Momenten erreichte er eine ganz eigene Mischung aus Mozart'schem melodischen Schmelz, Gluck'scher Simplizität und feinnervig romantischer Instrumentation.
Auch in "Aci e Galatea", deren höfisches Schäferlibretto allerdings schon 1801 etwas antiquiert war, zeigte der Löwe seine Pranke. Bernius richtet die Arien und Ensembles belebt und klar, aber etwas schematisch aus den klassisch-regelmäßig gebauten Phrasen auf. Über der Begeisterung für die moderne Ausdruckskraft manches Ensembles vernachlässigt das Interpreten-Team allerdings manche rückwärtsgewandte Schönheit der Partitur. Noch mehr Mut zu vordergründiger Bildlichkeit im Orchester, koloraturfestere Zyklopen und Sinn für eine Leidenschaftlichkeit, die sich auch mit federnd deklamierten Silben Bahn bricht - all dies wäre von nöten, um dem wohlgestalt ans Licht tretenden Geist Naumanns vollends die Farbe ins Gesicht zu zaubern.

Carsten Niemann, 19.01.2003



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