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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



"Ist Musik nicht vor allem dazu da, dem Unglücklichen zu helfen, ihn aus tiefstem Elend zu retten und demjenigen seine Seele wiederzugeben, der sie verloren hat?" So hebt die französischstämmige, heute in Amerika lebende Pianistin Hélène Grimaud im Vorwort des Albums "Credo" an. Die Musik darauf steht den großen Worten der Vierunddreißigjährigen nicht nach. Beethovens selten aufgeführte Fantasie für Klavier, Chor und Orchester c-Moll op. 80, eine Art Vorbausatz zum Monolith der neunten Sinfonie, bildet den hell leuchtenden Mittelpunkt von Hélène Grimauds Debüt bei der Deutschen Grammophon, er überstrahlt auch die anderen Werke. Es beginnt mit dem schlafwandlerischen Tönetasten hinein in die "Fantasia on an Ostinato", die der amerikanische Komponist John Corigliano 1985 auf das Thema aus dem zweiten Satz von Beethovens siebter Sinfonie schrieb. Dessen wie in heiliger Trance durcheilte Klaviersonate Nr. 17 mit dem später hinzugefügten Untertitel "Der Sturm" nach Shakespeares letztem Bühnenstück mündet in die Chorfantasie, von deren Gipfeln es sogar noch weiter hinauf geht: in die dünne Luft des Glaubens. Dazu schleppt Arvo Pärt in seinem "Credo" für Klavier, Chor und Orchester (1968) auf dem Rücken Bachs C-Dur-Präludium aus dem ersten Band des "Wohltemperierten Klaviers" durch ein Gewitter aus Chor- und Orchestersplitterklängen. Das Stück wurde seinerzeit von den Funktionären in Pärts Heimat Estland als Angriff auf den Kommunismus interpretiert. Der Komponist selbst nahm hingegen für sich in Anspruch, einen Kerngedanken des Christentums zu musikalisieren: "Liebet Eure Feinde".
Hélène Grimauds entschieden zupackendem, dabei immer gelenkigen Klavierspiel haftet nichts Protzendes an, doch es verliert sich auch nicht in der Regenwolkenschwere tiefschöner Gedanken. Zum mitreißenden Schwung, der die schwergewichtigen Werke immer wieder neu antreibt, tragen die energisch agierenden Klangkörper des Schwedischen Rundfunks unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen bei. So gerät die Aufnahme nie in Gefahr, in die Abgründigkeit des allzu Langdurchdachten und demonstrativ Gutgemeinten zu rutschen, und daheim im Regal in jener Ecke zu landen, in die man Platten stellt, die man dann nie wieder hört. Im Gegenteil. Diese CD macht Lust darauf, die Zufallstaste zu drücken und die Kompositionen - bei Beethoven sogar die einzelnen Sätze - in unvorhersehbarer Reihenfolge miteinander korrespondieren zu lassen. Sie werden sich auch dabei gut verstehen.

Andreas Obst, 27.03.2004



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