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Ernest Chausson, André Jolivet

Poème, Violinkonzert

Isabelle Faust, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Marko Letonja

Harmonia Mundi France HMC 901925
(48 Min., 10/2005) 1 CD

Ob's die unseren westlichen Nachbarn eigene Liebe zum Zentralismus ist oder unser Tunnelblick in die Fremde, jedenfalls hat es manchmal den Anschein, die Musikgeschichte Frankreichs kenne nur eine Handvoll Protagonisten: zum Beispiel Messiaen, Boulez und Xenakis für die letzten Jahrzehnte oder Berlioz, Debussy und Ravel für die vielen Jahrzehnte davor. Der vorliegenden CD mit Violinwerken von Ernst Chausson (1855-1899) und André Jolivet (1905-1974) kommt somit gleich der Status der Entdeckung zu, obschon beide Komponisten zumindest zu Lebzeiten beachtliche Popularität genossen. Chaussons "Poème" ist immerhin auch heute noch ein beliebter Lückenfüller, im Konzert wie auf CD: eine Viertelstunde rhapsodisches Jahrhundertwendenflair, dem Isabelle Faust hier beachtliche Energien zu entlocken vermag. Das extrem zurückgenommene, bisweilen etwas fahrig artikulierte Pianissimo gibt ihr enormen dynamischen Spielraum. Sobald sich der Ton festigt, entwickelt er eine bohrende Intensität, die nicht nur Chaussons schwüle Instrumentation gehörig aufwühlt, sondern auch dem ungleich vitaleren Konzert von Jolivet starken Nachdruck verleiht. Die Führungsrolle, die Chausson wie Jolivet der Violine bei der Entfaltung ihrer Werke überlassen, wird von Isabelle Faust überaus bereitwillig angenommen. Das offensichtliche Bemühen, die Losigkeit der Form hier wie dort solistisch fester zu verklammern, verleitet sie allerdings immer wieder zu einer angestrengt wirkenden Aufgeregtheit, die Sensationen sucht, wo doch nur Töne sind. Damit stellt sich über kurz oder lang ein – von Jolivet freilich geradezu provozierter – Effekt ein, den die Ökonomie "Inflation" nennt und der bekanntlich auch der musikalischen Interpretation nur kurzfristigen Erfolg beschert. Das von Marko Letonja geführte Deutsche Symphonie-Orchester Berlin agiert spannungsreich und konfliktfreudig, kommt dabei mit dem unsteten Konzert Jolivets besser zurecht als mit Chaussons elegischer Tondichtung.

Raoul Mörchen, 08.02.2007



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