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Marc-Antoine Charpentier

Lecons de ténèbres H 135-137

Le Concert Spirituel, Hervé Niquet

Glossa/Note1 GCD 921604
(59 Min., 3/2001) 1 CD

Nicht selten preisen wir Spätgeborenen einen Höhepunkt künstlerischer Individualität, während die Zeitgenossen gerade darin ein Symptom des Verfalls sahen. So war es auch bei den "Lecons de Ténèbres", den seit dem achten Jahrhundert gepflegten Lesungen der Klagelieder Jeremias in den Frühmetten der Karwoche. Ein Ritual der ernsten Einkehr: Nach und nach löschte man alle Kerzen in der Kirche, und gregorianischer Gesang erfüllte die Finsternis.
Im 17. Jahrhundert verlegte man diese Frühmetten auf den bequemeren Vorabend, ersetzte die alten, anonymen Formeln durch "moderne" Kompositionen, und die Hörer drängten sich in den Kirchen, um in einer Zeit Musik zu hören, in der die Theater geschlossen blieben. "Welch ein Spektakel! Es ist nichts ungewöhnliches mehr, im Chorgestühl fünf oder sechs kreischende Figuren zu beobachten, die, auf verschiedene Art herausgeputzt wie authentische Komödianten, lachen, plaudern und Fratzen schneiden." So beschrieb ein Kleriker den Niedergang der Sitten.
Marc-Antoine Charpentier - jener Meister, dem seine "Eurovisionshymne" noch im Jenseits keine Ruhe lassen dürfte - schrieb für die Karwoche 1692 Vertonungen der Klagelieder, die den Zeitgenossen wie höfische Arien klingen mochten, uns aber wie Trauermusik von nahezu beispielloser Eindringlichkeit. Die Neuaufnahme mit dem Concert spirituel unter Hervé Niquet spielt mit dieser stilistisch-historischen Mehrdeutigkeit.
Ein Vergleich mit Gérard Lesnes akribischen, ungemein transparenten Referenzaufnahmen (Virgin) offenbart eine geänderte Perspektive. Rekonstruierte Lesne das komplette Ordinarium, finden wir hier die Klagelieder herausgelöst gleich expressiven Filetstücken. Das wäre eine Äußerlichkeit, hörte Niquet die "Lecons" nicht mit einer gesteigerten, durchaus opernhaften Dramatik, die sie in den Rang selbstständiger Bühnenmusik erhebt. Das schmale Instrumentarium - Streicher, zwei Flöten und Continuo - wird zu einem recht üppigen Gesamtklang verschmolzen. Mögen die konzertierenden Stimmen der Flöten in diesem Teppich verschwinden, steigert dies füllige Klangideal die expressive Wucht des Ganzen erheblich, zumal das forcierte Tempo Niquets vorführt, wie sich archaische Melismen zu opernhaften, virtuosen Koloraturen entwickeln.
Auf der Ebene der Aufführung scheint sich das "Verfalls"-Muster zu wiederholen. Indem Niquet den Boden orthodoxer Aufführungspraxis ein Stück weit verläßt, gewinnt er dieser zugleich spirituellen und opernhaften, intimen und monumental-öffentlichen Klage eine bemerkenswerte, sehr individuelle Ausdrucksgewalt ab. Wir begreifen, was die Hörer damals so massenhaft in die Kirchen zog.

Matthias Kornemann, 02.05.2002



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