Spekulatius-Allergie? Oder einfach nur mal Lust auf das etwas andere Weihnachtsoratorium? Dann ist vielleicht diese Scheibe das Richtige. Schon die Anfangstakte des wohl 1806 entstandenen Werks sind dazu angetan, die Lichter am Weihnachtsbaum auszublasen. Denn wie der 1772 in Danzig geborene Deutsch-Italiener Cartellieri im Anfangschor die weihnachtliche Winterlandschaft schildert, das ist mehr von den dramatischen Unterweltchöre Glucks inspiriert als von frömmelnder Hirten- und Krippenromantik. Opernhaft geht es auch weiterhin in dem Stück zu, dessen Hauptperson nicht Jesus, sondern Johannes der Täufer (Andreas Karasiak) zu sein scheint. Letzterer begegnet uns hier nicht als der übliche Wüstensohn und Zottelbart, sondern als Märtyrer-Held, der den Kampf gegen den durchaus überzeugungs- und stimmstarken Satan (Alexander Marco-Buhrmester) und seine Dämonen mit glänzenden tenoralen Spitzentönen gewinnt. Nicht ganz die gleiche Klasse besitzen Katerina Beranova als göttliche Liebe und der Tenor Ray M. Wade Jr. als Glorienengel, der für seine Höhen doch zu viel irdische Kraft aufwenden muss. Das faszinierendste an dieser Einspielung ist jedoch, wie es dem Leiter Christoph Spering gelingt, für das gesamte Werk einen verbindlichen stilistischen Ton zu treffen. Schließlich wollen barocke Rhetorik, bildhafter frühromantischer Orchesterklang mit deutlichen Freischütz-Vorwegnahmen und ein zwischen Mozart und frühem Rossini pendelndes Melos zu einer Einheit geschmiedet sein - und sie werden es. Dass Cartellieri neben den vielen plastischen und reich instrumentierten Szenen auch streckenweise vorhersehbares Geplänkel in abgezählten Perioden schrieb, soll nicht verschwiegen werden. Der stärkere Eindruck ist jedoch der, dass hier die Weihnachtsgeschichte mit den interessantesten musikalischen Mitteln erzählt wird, die die Zeit um 1800 bereithielt.

Carsten Niemann, 11.12.2004



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