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Ludwig van Beethoven, Joseph Haydn

Variationen für Klavier

Michael Korstick

Oehms Classics/Codaex OEHMS 532
(72 Min., 3/2004, 6/2004) 1 CD

In Insiderkreisen wird dieser Künstler längst als einer der ganz Großen gehandelt. Was auch immer er anpackt, es hat dies, wie man so schön sagt, Hand und Fuß. Vor allem dann, wenn Michael Korstick sich anschickt, die Causa Beethoven, sein wohl doch begehrtestes Kunst-Subjekt, anzuschauen und selbiges zu durchleuchten. Wiederholt grandios, dabei von einem interpretatorischen Radikalismus, der seinesgleichen sucht, gerieten Korsticks Exegesen in Sachen "Hammerklaviersonate"; nicht minder aufregend seine Ausdeutung der wichtigen mittleren Sonaten. Pianistisch erinnert Korstick dabei – er wird es vielleicht nicht allzu gerne hören – an den leider schon verstorbenen Friedrich Gulda. Was vor allem diese beiden, ihrer Mentalität nach völlig verschiedenen Künstler eint (der klamaukliebende Exzentriker Gulda hier, der introvertiert-seriöse Purist Korstick da), ist, über die Anschlagskultur hinaus, der Hang zum Extremen, sowohl was die dynamischen Belange als auch die Tempi bei Beethoven angeht.
Dass Michael Korstick in seiner nunmehr vorliegenden Auseinandersetzung mit den Diabelli-Variationen op. 120 (klingende Parenthese zu der Trias der letzten Sonaten Beethovens für Klavier) mit jenem inwendigen Interesse an einer geistigen und klanglichen Durchdringung des Werks vorgehen würde, die sein Beethoven-Spiel außerordentlich sein lässt, durfte niemanden ernsthaft überraschen. Dass jedoch ein solch sensationelles Ergebnis dabei herauskommen würde, und dass man, die hohe Zahl an bedeutenden Wiedergaben eingedenk, noch Neues in diesem wundersamen, an Wundern vollen Variationenwerk entdeckt, das allerdings kommt schon ein bisschen unerwartet. Glanzvoll ist bei Korstick die Konturierung der Antagonismen in einer solchen Art, dass die Klavierkunst Beethovens in allen Schöpfungsphasen zutage tritt: Fast ein Ding der Unmöglichkeit eigentlich. Korstick gelingt dies, in dem er selbst da noch philosophischen Ernst walten lässt, wo andere Interpreten längst ins Profan-Objektivierende abgleiten; dass er sich bei diesem Tun so tief in die Klänge zu versenken vermag wie nur wenige Vertreter der Zunft, tut das Übrige. Teilweise klingen die Variationen beinahe wie eine heilig, schubertisch angewehte Messe, oder auch wie ein Abschiedsgesang, um dann im nächsten Moment wieder ruckartig in widerborstigen Furor auszubrechen. Kurz und gut: Eine Glanztat, die man nicht genug würdigen kann. Es sei denn, man vermerkt noch, dass auch das zweite Variationenwerk auf dieser einzigartigen Aufnahme, die f-Moll-Variationen von Haydn, unter Korsticks Händen einen gleichsam magischen Geist entfalten.

Jürgen Otten, 17.09.2005



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