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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Wundervolle, ja wahrhaft beflügelnde Musik, aber ach: Wie soll man ohne Libretto einer Handlung folgen, wenn der französische Text von zumeist ost- und nordeuropäischen Sängern vorgetragen wird? Es könnte ebenso gut rätoromanisch oder Hindi gesungen werden. Hier gerät die Sparpolitik von Naxos an die Grenzen des Vernünftigen - man kann, trotz beigefügter Synopse mit Tracknummern - in vielen Szenen de facto nicht dem Geschehen folgen, schon daher nicht, weil die meisten der männlichen Darsteller Bässe oder Bassbaritone sind. So bleibt in diesem Punkt nur zu bedauern, dass man die sicher besser ausgestattete, aber vergriffene EMI-Einspielung mit José van Dam nicht im Schrank hat. Stimmlich übrigens bietet diese Produktion der Wiener Staatsoper ohnehin nichts Überragendes: Am erfreulichsten noch Monte Pederson in der Titelpartie, zumindest passagenweise, dann nämlich, wenn er sein kerniges Material im oberen Lautstärkebereich entfalten kann - im Piano hingegen wird er oftmals erstaunlich wattig und unpräzise. Darüber hinaus viel vibratoreiches Gewaber. Zu schade, wirklich überaus schade, denn des Außenseiters Enescu Musik ist ein Geniestreich von der ersten bis zur letzten Note: Die schauerliche Gewissheit darüber, dass die handelnden Personen ihrem Schicksal nicht entgehen können, und die daraus resultierende Atmosphäre drohenden Unheils setzt Enescu so fesselnd und beklemmend in eine vollkommen tonale, aber nirgends epigonale Musik um, dass man nicht anders kann, als von der ersten bis zur letzten Sekunde fasziniert und ergriffen zu sein. Und hier greift wieder die Sparpolitik des Labels: Als Hochpreisprodukt würde man diese Einspielung wegen der indifferenten Sängerbesetzung wohl nicht erwerben, aber zum günstigen Preis lohnt es sich, auch ohne Libretto, allein wegen der extraordinären Musik, durch die sich, vor allem bei mehrfachem Hören, mittelbar auch das eine oder andere Handlungsdetail erschließen lässt.

Michael Wersin, 03.05.2006



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