An dieser Jahrhundertaufnahme hängt bekanntlich ein ganzer Rattenschwanz von Fragen, von denen die interpretatorischen sekundär erscheinen könnten – angesichts der weit brisanteren zeithistorischen. Auf welche Art konnte man gerade mal sechs Jahre, nachdem Nazi-Deutschland die halbe Welt und sich selbst in Schutt und Asche gelegt hatte, Beethovens/Schillers „Freude schöner Götterfunken“ anstimmen? War es schon – oder endlich wieder – Zeit für diesen Freudentaumel nach all dem Grauen, das die scheinbar größte aller Kulturnationen über die Menschheit, insbesondere die jüdischstämmige, gebracht hatte? Welche Fragen stellte sich dabei ein Dirigent, dessen äußere Regimenähe bzw. innere Regimeferne die Gemüter bis heute entzweit und der neun Jahre zuvor eben dieses Beethoven’sche Opus summum per Rundfunk weltweit zu Hitlers Geburtstag zelebriert hatte – widerwillig zwar und von Goebbels gedrängt, aber doch immerhin?Am 29. Juli 1951, dem Aufnahmedatum der vorliegenden Einspielung, die Naxos wiederveröffentlicht, ging es vordergründig um die Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele. Ihre eigentliche Dimension lag in der Wiederherstellung des weltweiten Ansehens der deutschen Kultur in Gestalt des Bayreuther Weihetempels, der bekanntlich zum Fafner’schen Nazi-Hort mutiert war und der nun, geläutert, mit progressiver Nüchternheit der Wagner’schen Enkelgeneration, die unselige Winifred-Adolf-Liaison hinter sich zu lassen beabsichtigte.
Dass solche neue Nüchternheit nicht im Bayreuther Orchestergraben zu finden war, das war selbstverständlich für diesen deutschesten aller Jahrhundertdirigenten, zumal sein persönlichstes Werk auf dem Programm stand, das nicht zuletzt durch seine zahlreichen Präsentationen erst den absoluten Weihestatus unseres musikalischen Hausaltars erhielt. Darüber hinaus muss im Orchestergraben eine ungeheure emotionale Anspannung geherrscht haben, saßen hier doch (auch) Musiker, die die Kriegsgräuel – in welcher Form auch immer – selbst erlebt und noch wenige Jahre zuvor unter ganz anderen Vorzeichen dasselbe Werk als Verherrlichung deutschen Wesens intoniert hatten.
Mit solchen Gedanken im Hintergrund hört man die Aufnahme anders als ohne sie. Ohne sie empfindet man z. B. das Zittern der Horn- und Klarinettensoli in Beethovens paradiesischem Adagiogesang durchaus als peinliches technisches Makel und dieses fast 20-minütige Adagio überhaupt als schwermütiges Dahindämmern, dem jegliche Konturen zu fehlen scheinen. Hier wie auch in beiden Anfangssätzen ist Furtwänglers Beethovenverständnis – ein wahrhaft wühlendes, das dem untersten und ernstesten Seinsgrund auf der Spur zu sein scheint – äonenweit von unserem heutigen, auf einem Vor-Wagner’schen, vorromantischen Urtext basierenden Beethoventext fußenden entfernt. Ein größerer Gegensatz als beispielsweise zu Gardiners oder Zinmans luftig-federnder Beethovenexegese, die mitunter nur halb so viel Zeit beansprucht, ist jedenfalls kaum denkbar.
Mit jenem zeithistorischen Hintergrund aber vernimmt man ein faszinierendes, auch beklemmendes Zeitdokument, dem sich niemand entziehen kann. Das gilt nicht nur für die vier Solisten, die ihre undankbaren Gesangspartien mit Bravour meistern – insbesondere der schlanke und doch dramatische Sopran Elisabeth Schwarzkopfs überzeugt; das gilt auch für die meisten der zahllosen, von Beethoven keinesfalls notierten Temposchwankungen, die einen „modernen“ Beethovenhörer zunächst stark irritieren, dann aber doch einen ungeheuren Sog entfalten, heben sie doch den dramatischen Verlauf des Werkes kongenial hervor. Dass hierbei allein Furtwängler beanspruchen kann, das einzig wirkliche Schlussprestissimo eingespielt zu haben, das die Bezeichnung verdient, kann der Rezensent nur ein weiteres Mal unterstreichen. Zwar geriet seine 1942er Aufnahme noch bedingungsloser – Hitler muss bei diesem „Geburtstagsständchen“ der Bombenhagel der Alliierten, der Deutschland bereits „heimgesucht“ hatte, geradezu lautmalerisch in den Ohren geklungen haben –; gleichwohl bleibt auch die 1951er Einspielung ein Beethovenexzess sondergleichen. Gegenüber dieser infernalischen Höllenfahrt bzw. grandiosen Himmelsstürmerei sind nahezu alle anderen Einspielungen bis heute mehr oder minder brave, risikoscheue Beamtenunternehmungen. Bleibt noch die Bitte, Mark Obert-Thorn möge sich neben der 1942er auch noch jene Beethoveneinspielung von 1937 vornehmen, die Furtwängler noch in London machen konnte. Denn trefflicher als der Naxos-Restaurator wird kaum jemand eine tiefenschärfende Reinigung der alten Bänder, insbesondere der Höhenregister, vornehmen können. Insofern ist auch diese Wiederveröffentlichung mehr als gerechtfertigt.

Christoph Braun, 19.05.2007



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