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Domenico Scarlatti

Esercizi K. 1 - 30

Alain Planès

harmonia mundi HMC 901838.39
(120 Min., 11/2003) 2 CDs

Der Mann scheint ein Freund der Selbstironie gewesen zu sein: "Essercizi" nennt Domenico Scarlatti ein mächtiges Häuflein seiner Stücke, die er für das Cembalo komponierte, zu Deutsch: Übungen. Wenn man will, kann man sie als solche hören (und spielen); trocken, artig, schon auch ein bisschen bravourös-blendwerkelnd. Doch wäre dieser Ansatz letztlich weit gefehlt, würde er der Substanz der "Essercizi" kaum gerecht werden. Denn Scarlatti, dieser wundersame Italiener, der in jenem fernen Zeitalter, das man heute (in der Musik) mit dem Begriff "Barock" bezeichnet, wirkte wie ein Zauberer auf einem mittelalterlichen spanischen (i. e. katholischen) Gymnasium, dieser freche, ungestüme Meisterkomponist, sprengte mit seinen "Essercizi" einfach jede Konvention. Sollen sie schimpfen, die Philister, mag Scarlatti keck-unverfroren gedacht haben, sollen sie nur: Ich mache mein eigenes Ding.
Und in der Tat: Freunde, diese Töne! Diese Einfälle! Diese Vielzahl an Formen (und, wäre man prüder Bachianer: satztechnischen Fehlern)! Und überhaupt dieser schrankenlose Esprit! Ein jedes dieser dreißig Piécen ist wie ein kleines vertontes Gedicht - wobei als Überschrift über dem Zyklus stehen könnte: "Variationen über ein Thema, welches 'Das Leben in all seinen Möglichkeiten' genannt sein möchte". In dem französischen Pianisten Alain Planès, den wir vor allem für seine Schubert-Exegesen schätzen, findet sich ein Interpret, der all diese Miniaturen wunderbar vorzutragen in der Lage ist. Er tut dies nicht auf einem modernen Flügel, sondern gleichsam mustergültig, sprich: "authentisch", wiederum jedoch nur zur Hälfte: Das Instrument, auf dem Planés dem Zauber und Charme Scarlattis frönt (oder auch: erliegt), ist ein Pianoforte von Schantz von zirka 1800. 1800 war Scarlatti schon im Jenseits. Aber würde er diese zwei CDs angehört haben, sicher würde er ein gütiges Lächeln aufsetzen und sagen: Da ist einer dort unten, der hat meine Ironie herrlich verstanden. Nur eines am Rande noch: Man muss den Klang dieses Pianoforte schon mögen. Sonst hilft alles gar nichts.

Tom Persich, 06.11.2004



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