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Mark-Anthony Turnage

Fractures Lines, Another Set To, Silent Cities, Four-Horned Fandango

Christian Lindberg, Peter Erskine, Evelyn Glennie, BBC Symphony Orchestra, Leonard Slatkin

Chandos/Codaex 0 95115 10182 7
(56 Min., 7/2002) 1 CD

Nachdem es für geraume Zeit auf dem CD-Markt bedenklich still um Mark-Anthony Turnage geworden war, sind in der letzten Zeit einige interessante Aufnahmen der Musik des zweiundvierzigjährigen Briten erschienen: Kammermusik bei Black Box (siehe Rezension), die Oper "The Silver Tassie" auf dem neu gegründeten Label "ENO live" und nun eine Auswahl von vier in den letzten Jahren entstandenen Orchesterwerken. Turnage ist zurzeit Hauskomponist des BBC-Sinfonieorchesters, und da steht zu hoffen, dass diese Veröffentlichung nicht die letzte sein wird.
Turnage bestätigt seinen Rang als eine der individuellsten und ausgereiftesten Komponisten nicht nur seines Landes, wenngleich die hier versammelten Stücke keine Überrraschungen bieten. Besonders gilt dies für die beiden Jazz-beeinflussten Kompositionen: "Another Set To" für Posaune und Orchester, ein teils extrovertiertes, teils bluesiges Stück in Turnages typischer urban-aggressiver Manier – allerdings für seine Verhältnisse fast fröhlich zu nennen –, und "Fractured Times", ein Doppelkonzert für zwei Schlagzeuger. Das Konzept dieses Werks mutet interessanter an als die Musik: Ein Jazz-Drummer – in diesem Fall Peter Erskine – steht im Dialog mit "klassischen" Schlaginstrumenten wie Marimba und Trommeln, hier bedient von Evelyn Glennie.
Vielleicht benötigt dieses Werk im Gegensatz zu anderen Turnage-Kompositionen vor allem das körperlich-visuelle Element, um zu "funktionieren". Beim Hören der CD drängt sich der Eindruck auf, dass – trotz der beeindruckenden Virtuosität der Solisten – Schlagzeuger und Orchester nebeneinander herlaufen, statt sich gegenseitig zu befruchten.
Wesentlich beeindruckender ist "Silent Cities", das durch einen Besuch der Gräberfelder an der Somme angeregt wurde, wo viele britischer Soldaten im Ersten Weltkrieg starben. Auch wenn eine Melodie des Jazz-Gitarristen John Scofield das Grundmaterial bildet, ist der Charakter des Stücks gequält, gewalttätig, von Höhepunkt zu Höhepunkt sich windend und, wie oft bei Turnage, im Offenen endend, abreißend. Turnage selbst ist es, der im Beiheft eine Ähnlichkeit zur Musik Harrison Birtwistles ins Feld führt. Vor allem jedoch erinnert das Stück an frühere Orchesterwerke Turnages, vor allem "Drowned Out".
In "Four-Horned Fandango" für vier Hörner und Orchester wird am ehesten spürbar, wie Turnage seinen Stil vielleicht weiter entwickeln wird: filigraner, feinsinniger, weniger obsessiv, auch weniger vom Jazz gefärbt, doch keinesfalls konventioneller.
Turnage schreibt blutvolle, mitreißende, emotionsgetränkte Musik jenseits von Postmoderne und Donaueschingen, und das gilt auch für die Werke auf dieser CD. Interpretatorisch wie klanglich bleiben keine Wünsche offen. Wer jedoch noch nichts von ihm kennt, greife zuerst zur Turnage-CD mit Simon Rattle bei EMI, so lange es sie noch gibt.

Thomas Schulz, 19.12.2002



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