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N° 1237
22. - 28.01.2022

nächste Aktualisierung
am 29.01.2022



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Sergei Tanejew

Kammermusik

Mikhail Pletnev, Vadim Repin, Nobuko Imai, Lynn Harrell

DG/Universal 477 5419
(82 Min., 7/2003, 8/2003)

Unter Kennern ist es ein beliebtes Spiel. Die Szene wie folgt: Ein hell erleuchtetes Wohnzimmer am Abend, mehrere kundige Damen und Herren sitzen (oder liegen) in den Fauteuils. Einer ist unter ihnen, meist der Gastgeber, der gleichsam als unsichtbare Hand auftritt. Wie ein Richter sitzt er vor einem Stapel von CDs und legt eine nach der anderen ein. Keiner der Anwesenden, ihn ausgenommen, weiß, was für ein Stück erklingen wird, wer es komponiert hat, und genau darum geht es: dies herauszufinden. Die anwesenden Experten hören die ersten zwanzig, dreißig Takte, ein jeder geht kurz in sich, und dann, ja, dann gibt es nur noch eines: Gewissheit oder Blamage.
Im vorliegenden Fall sollten selbst einigermaßen gewiefte Kenner auf voreilige Wetten verzichten. Es ist nämlich außerordentlich schwierig, den Komponisten aus der Gemengelage der Musikgeschichte, in die seine Musik anscheinend hineingeraten ist, wieder herauszufiltern. Rasch weiß man, wer es nicht ist. Aber dass es die Musik von Sergei Tanejew ist, die hier aus den Lautsprechern dröhnt, das ergibt sich erst bei präziserem Studium des Gehörten. Tanejew? Einhundert Jahre nach Mozart geboren, spielte er im russischen Kulturleben eine bedeutsame Rolle. Immerhin war er Schüler Tschaikowskys (was man kaum hört, dagegen die Bewunderung Tanejews für die Formgebung der Renaissance und für den Kontrapunkt), ein glanzvoller Pianist, des weiteren der Schöpfer einer Oper über den Orest-Mythos. Seine beiden auf dieser CD vereinten und von den hochmögenden Interpreten herausragend, weil sternenklar dargebotenen Kammermusikwerke, das Klavierquintett in g-Moll op. 30 und das Klaviertrio in D-Dur op. 22, dokumentieren den eigenbrötlerischen Kunstsinn eines Komponisten, seinen unverstellten Hang zur Negierung musikgeschichtlicher Tendenzen. Romantische Gesten werden stetig weg- oder überblendet, sprich: sie werden nur eingeführt, um sogleich dementiert zu werden, quasi als ein böser Kommentar des Komponisten zur weiland aktuellen Musik. Das Harsche dominiert, die knappe Formulierung, das Asynchrone. Die Moderne fängt hier an. Aber eines ist gewiss: Kein Vergleich mit irgendeinem anderen Komponisten dieser Zeit wäre sinnvoll. Kurz und gut: Für Liebhaber eine mögliche Entdeckung. Für Kenner eine wunderbare Erinnerung an einen, der nicht so sein und nicht so komponieren wollte wie die Anderen.

Jürgen Otten, 27.08.2005



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