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Ludwig van Beethoven

Sämtliche Werke für Klavier und Violoncello

Miklós Perényi, András Schiff

ECM New Series/Universal 1819/20 o. 472 401-2
(151 Min., 12/2001, 8/2002) 1 CD

Geht das überhaupt? Dass die Sonne in einer Sekunde hinter dem Horizont verschwindet und in derselben Sekunde an eben dieser Stelle wieder auftaucht, hauchzart-ungefähr wie eine Fata Morgana? Hört man die ersten Takte der g-Moll-Sonate für Klavier und Violoncello op. 5 Nr. 2, gespielt von András Schiff und Miklós Peréneyi, dann empfindet man so etwas wie die Gewissheit, dass dies möglich ist: Wie aus dem Nichts erscheint in diesem Adagio sostenuto e espressivo die ganze (Sonnen)Welt; erleuchtet und zugleich verdunkelt. Töne, Klänge schweben hier an unserem inneren Auge vorbei, die so durchdrungen von poetischer Temperatur man so noch nie gehört zu haben meint. Schiff und Perényi, sie sind, so scheint es, das ideale Paar, um die Tiefgründigkeit des frühen Beethoven, die ja an sich schon ein unbegreifliches Phänomen darstellt, auch noch nach so vielen Jahren der (nicht eben lahmen) Beethoven-Rezeption zu vermitteln. Der Geist, aus dem heraus sie musizieren, es ist der Geist der Romantik, die das Prinzip der Aufklärung bereits (und immer noch) in sich trägt: ein Paradox, fürwahr. Aber hier ist es Wirklichkeit. Und vielleicht damit der "ganze" Beethoven erfasst.
Der Blick der Interpreten in dieser frühen Sonate ist ein geweiteter. Schiff und Perényi sind die Virtuosen der Empfindsamkeit, und sie sind, vor allem Schiff, die Inkorporation jenes imaginären instrumentalen Virtuosen, der Ende des 18. Jahrhundert in die Welt hineinschaute, um sich bald darauf in ihr umzutun. Von einer Vitalität, von einer Frische des Zwiegesprächs und von einer schier visionären Energie ist diese Aufnahme (und das durchweg, kein Beispiel ließe sich finden für ein Nachlassen der Energie; es ist über mehr als zwei Stunden ein Tanz auf dem Drahtseil), die einen förmlich hinfort reißt aus dem Alltag. Und man kann und will gar nicht begreifen, warum diese Beethoven'schen Werke für Klavier und Violoncello nicht weit häufiger den Konzertsaal erobern. "Welche Wonne, welche Lust!", möchte man, unter Zuhilfenahme eines anderen Genies, auf der Stelle ausrufen. Um dann erneut in dieser Sonne zu versinken. Hinter dem Horizont. Oder noch weiter hinten.

Jürgen Otten, 16.10.2004



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