Nichts gegen Lokal- oder Nationalkolorit, im Gegenteil: im gleichgeschalteten Euroland tut alles Eigenwillige not. Aber hier wird's ärgerlich, zumindest inkonsequent: wenn die EMI eine Ersteinspielung im Rahmen ihrer Hundertjahrfeier des 1901 geborenen spanischen Nationalkomponisten Rodrigo anpreist, dann darf man meinen, "die Welt" solle darüber auch ein wenig informiert werden. Angesprochen aber wird offenbar nur ihr spanisch-sprachiger Teil. Nur er kann das Beiheft dieser auf Lope de Vega zurückgehenden "Comédia lírica" mit dem Titel "El hijo fingido" goutieren. Der englische "Kommentar" ist keiner, sondern Papierverschwendung à la "auf Nummer 11 folgt Nummer 12, die den zweiten Teil beendet".
Da auch der Kindler in Sachen Lope de Vegas Kömödie nicht weiterhilft - laut Titel geht es um einen "vorgetäuschten Sohn"-, und meine Geduld auf der Suche nach nötigen Informationen begrenzt ist, bleibt die Musik. Der Liebhaber spanischer Rhythmen wird - zumindest phasenweise - auf seine Kosten kommen. En gros aber bleibt mir Rodrigo ein großes musikalisches Kind, das dreihundert Jahre zu spät lebte.
Man muss weiß Gott kein Anhänger des "Fortschritts im musikalischen Material" oder gar des tief-deutschen Ernstes sein, aber soviel "neoklassizistische" Reminiszenz an das höfisch-galante Spanien und seine Zarzuelas macht mich nervös und grantig. (Zarzuela ist - diese Information entnehme ich nicht dem Beiheft - eine um 1650 entstandene singspielartige spanische Opernform.)
Schon vor drei Jahren schien mir die Sony-Rodrigo-Ehrung in Gestalt eines dahinplätschernden Klavierkonzerts (siehe Rezension) als Hintergrundmusik zu einem guten Essen verwendbar (Mozart ist dagegen Heavy Metal und Trash in einem). Auch dieses 1964 uraufgeführte, allzu verspielte Bühnen-Geplänkel lässt sich derart konsumieren. Dann stören auch kaum die Ignoranz des Beihefts und die recht mäßigen solistischen Gesangsleistungen, vor allem der Damen.

Christoph Braun, 03.01.2002



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