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Jean Richafort

Requiem, Motetten

Huelgas Ensemble, Paul Van Nevel

HMF/Harmonia Mundi 901730
(61 Min., 7/2000) 1 CD

Mehr als zwei Seiten hat sich Paul Van Nevel in seinem Begleittext Platz genommen, um darzulegen, wie sehr der Frankoflame Jean Richafort (ca. 1480 - ca. 1547) von seinen Zeitgenossen geschätzt wurde. Päpste, Musikerkollegen und Theoretiker, sie alle werden aufgeführt und zitiert. Dabei könnte Van Nevel als Wissenschaftler wie ausübender Künstler Autorität genug sein, um einen "no name composer" zu empfehlen.
Sicher glaubt man, dass Richafort ein Schüler des berühmten Josquin Desprez gewesen sein könnte, wie eine der wenigen Quellen zu seinem Leben behauptet. Doch ist es das, was den Zauber seiner Musik ausmacht? In den drei kurzen Motetten dieser Aufnahme vielleicht ja. Doch die Textur seines ehrgeizigen sechsstimmigen Requiems (das womöglich speziell für Josquin geschrieben wurde) wirkt auf den ersten Blick weniger durchgearbeitet, weniger motivisch dicht als etwa die des Vorbilds.
Die Meisterschaft dieser Musik liege aber auch nicht in der motivischen Ereignisdichte, behauptet Paul Van Nevel. Wie schwer das Wunder einer lang ausschwingenden modalen Melodielinie im Gegensatz zu Kanon oder Imitationstechniken auch zu beschreiben sein mag, das Huelgas Ensemble lässt dieses Wunder wahr werden: mit einer Ruhe und Gelassenheit, die so zwingend sind, dass die Krankenkassen diese CD als Mittel zur Infarktbekämpfung anerkennen sollten.
Ganz zu Recht geht van Nevel diese Musik aus der Perspektive des Mittelalters an, das der Einstimmigkeit mindestens so viel Aufmerksamkeit schenkte wie dem Ausnahmephänomen Mehrstimmigkeit. Nichts wird dramatisiert: Auch die herben "falschen" Töne der musica ficta können an diesem klingenden Abbild eines geordneten Weltenbaus nicht rütteln; der Schmerz über die Sünde geht nicht in Anklage über, und bei alledem wirkt das Auf- und Abschwellen der Töne sinnlich, ohne irdisch zu werden.
Die Männerstimmen dominieren die Besetzung; die wunderbaren knabenhaften Frauenstimmen unterstreichen noch diese ganz eigene Färbung, die nicht minder über einen "authentischen" Klang entscheidet, als viele Fragen des Rhythmus und der Dynamik. Lange verweilen die Sänger im Requiem auf den Vokalen: ihr Vortrag ist keine Predigt und vermeidet bewusst die gleiche feine Textausdeutung, die das Ensemble in den beiden weltlichen Chansons dieser bestechenden Einspielung um so deutlicher demonstriert.

Carsten Niemann, 09.05.2002



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