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Ludwig van Beethoven

Sämtliche Streichquartette

Gewandhaus-Quartett

NCA/Naxos 60139
(568 Min., 1995-2003) 10 CDs

Vor diesem Bergmassiv haben, staunend, schon viele gestanden. Beethovens "Große Fuge op. 133" gilt mit Recht als ein Opus, welches die versiertesten Interpreten verlangt. Ein polyphones Wunderwerk, labyrinthisch vielfältig verzweigt, mit reichlichen Stolpersteinen versehen, klanglich kaum in Facon zu bringen; und schon eine verbale Beschreibung der immensen Energetik von op. 133 fällt schwer. Entsprechend Schumanns - nach einem Konzert des Gewandhaus-Quartetts im Konzertwinter 1837/38 - geäußertem Wort “Auslegung und Erklärung durch Worte” würden hier "scheitern". Wie das Gewandhaus-Quartett seinerzeit die Klippen umschiffte, lässt sich nur aus Zeitzeugenberichten nachvollziehen. Wie es ihren rechtmäßigen Nachfolgern, dem seit gut zehn Jahren in der identischen Besetzung musizierenden Gewandhaus-Quartett, mit dem Fugengestrüpp erging, können wir hier hören. Und genießen: Denn den vier wunderbar aufeinander eingestimmten Streichern gelingt das schier Inkommensurable; in einer bemerkenswerten Tour de force erklettern sie den Fugenberg, ohne auch nur einmal in Gefahr zu geraten und ohne allzu sehr die Schroffheiten in den Mittelpunkt zu stellen. Man könnte, das Paradoxon bemühend, sagen: Eine moderate Meisterleistung.
Zuzuschreiben ist sie in erster Linie einem Habitus, der das Romantische bei Beethoven ebenso entdeckt wie seine Klassizität. Und vielleicht liegt hierin die wesentliche Bedeutung dieser Gesamteinspielung von Beethovens Streichquartetten. Wo Beethoven sich komplex gibt, entzerren die Leipziger ihn; wo er eine Pause einlegt und homophon grundierter Kantabilität frönt, öffnen die Musiker den Blick für die Seitenpfade, für die Nebenschauplätze. Dies geschieht mit einer souveränen, aber nie routiniert wirkenden Interpretationshaltung, die den Spagat zwischen einer (analytischen) Darstellung des Werks und dem unbedingten interpretatorischen Wollen schafft. Ein Grund hierfür mag in der Tatsache liegen, dass die vier Herren sich Zeit genommen haben für das Großprojekt. Acht Jahre sind ins Land geflossen zwischen der ersten und der letzten Aufnahmesitzung. Das klingt in der Gesamtheit nie schablonenhaft, es klingt so, wie guter Wein schmeckt: gereift. Und dazu, Schumann nochmals zitierend: durchaus mit Leidenschaft und Empfindung. Kurzum: eine tolle Einspielung, deren Krönung die Aufnahme eines Teils von op. 131 (cis-Moll-Quartett) mit den alten Heroen ist. Klengel und Konsorten, anno 1916. Ein Schmankerl zum Niederknien.

Tom Persich, 24.04.2004



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