Busoni scheint ein Mensch gewesen zu sein, der in Bildern denkt, fühlt und lebt. Das Problem (und zugleich in musikalischer Hinsicht das Faszinosum) seiner Faust-Oper: Immer nur dann, wenn aus den Noten Visionen des Geschehens aufsteigen, wirkt die Musik. Wie Faust von drei Studenten aus Krakau eine geheimnisvolle Handschrift überreicht bekommt, die ihm die Tür zum Geisterreich öffnet, wie er diese Geister ruft und den hartnäckigsten – den Teufel selbst – nicht wieder los wird: Alle Seelenqual des Mannes wird von Busoni in einer den Hörer regelrecht hypnotisierenden Tonsprache gestaltet. Hier spielt das Orchester der Lyoner Oper die Hauptrolle, von Kent Nagano mit sicherer Hand zu einem bei aller Drastik des Geschehens feinnervigen Klangsprache angeleitet.
Vorzüglich gesungen wird außerdem: Dietrich Henschels männlicher Faust-Bariton und Kim Begleys Mephisto als tenoral-intrigante Giftspritze sind ein Paar, dem man gerne lauscht. Diese beiden Gestalten sind aber auch die einzig glaubhafte „menschliche“ Beziehung des Stücks – und das ist für eine Oper ein Problem. Busoni fand einfach keine Töne für die Liebe. Alles, was im Libretto damit zusammenhängt, bleibt musikalisch steif, unbefriedigend – daran kann alles Können der Interpreten nichts ändern. Und trotzdem zieht einen das Stück in seinen Bann.

Stefan Heßbrüggen, 31.05.1999



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