Schaut man nicht neidvoll auf die Briten, wenn sie in der Letzten ihrer Proms-Nächte ihr „Rule Britannia“ krakeelen!? Nein!, ruft einem da die deutsche „political correctness“ entgegen. Jedenfalls kennt sie fast jeder, die herrliche, eigentliche Nationalhymne der Insulaner (neben Elgars „Pomp And Circumstances“-Marsch Nr.1), aber wer kennt ihren Komponisten?
Thomas Arne heißt er, war ein Händel-Bewunderer und -Konkurrent, ein Lottermann und Charakterfiesling, glaubt man seinen Zeitgenossen. Aber nicht die moralische, sondern die kompositorische Tat war offenbar wichtig. In seiner 1740 komponierten Masque „Alfred“ findet man Britanniens stolzestes Strophenlied als Schlussode. Vom Inhalt dieses Schauspiels mit Musik muss man eigentlich nichts wissen, außer dass irgendwann einmal ein (irrealer) Held namens Alfred seine britische Heimat vor den schrecklichen Dänen errettet und so die Grundtugenden der Inselbewohner: Vaterslandsliebe, Optimismus und Gerechtigkeit bei gleichzeitiger Geringschätzung des (kontinentalen) Fremden zur Schau stellt. Das mit der Fremden-Problematik hat übrigens der englische Barock- und Händel-Spezialist Nicholas McGegan, der das Werk nun eingespielt hat, im Beiheft schriftlich hinterlegt – und damit darf dies auch ein deutscher Rezensent sagen!
In anderthalb Dutzend Airs und allerlei allegorischen Anspielungen wird diese überbordende Großbritannien-Liebe besungen, und wenn der reale Kronprinz, Kronprinz Frederick, für den Arne aufspielte, sich mit diesem Stück bestens unterhalten ließ, so wollen wir dies glauben, zumindest musikalisch, denn die Airs sind von bester Machart: melodisch einfallsreich, eingängig und zwischen mitreißendem Volkslied-Rhythmus und affektgeladener Kunstmusik changierend. Die vier Solisten jedenfalls steuern schlanke, agile Stimmen und McGegans Londoner Barockmusiker eine mal tanzend beschwingte, mal bukolisch besinnliche Begleitung bei. Und bei „Rule Britannia“, da stehen wir natürlich auf, legen den Arm an die Hosennaht und singen mit, auch wenn sie nicht mit ganz so viel Pomp daherkommt wie bei den Proms. Aber dafür authentisch-korrekt.

Christoph Braun, 01.12.1999



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