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Blessed Ones

Orrin Evans

Criss Cross/Harmonia Mundi 1213
(68 Min., 1/2001) 1 CD

Wie lange dauert es, bis ein Pianist einen eigenen Stil entwickelt? Und wie lange, bis dann auch noch die Öffentlichkeit auf ihn reagiert? Orrin Evans, sechsundzwanzig, ist auf dem besten Weg zum eigenen Profil abseits der Entwicklungslinien, die James P. Johnson, Earl Hines, Art Tatum, Oscar Peterson, Thelonious Monk, Bud Powell, Horace Silver, Bill Evans, McCoy Tyner, Herbie Hancock, Kenny Barron, Keith Jarrett, Brad Mehldau und Dutzender anderer Heroen vorgaben.
Eine eigenwillige Mischung aus dichten, schweren Zementbrocken und lichten, flockigen Wattebäuschen. Der Schlagzeuger Nasheet Waits - in zwei Titeln ersetzt ihn der neunundsiebzigjährige (!) Edgar Bateman - entgegnet Orrin Evans' widerborstigen Rhythmen mit eigenen, nicht minder sperrigen Schlagfolgen, und der Bassist Eric Revis kehrt oft die perkussiv-knorrige Seite seines Instruments hervor. Selbst ein lyrisches Zwischenspiel in "Two Faces Of Nasheet" geht keinesfalls glatt ins Ohr. Großartig, wie sich daraus die Finger in vertrackte Läufe lösen und sich der Charakter des Stücks wandelt.
Was für ein feiner Melodiengestalter Evans sein kann, zeigt er in zwei Versionen der Ballade "Anysha", die seine Mentorin, die Pianistin und Organistin Trudy Pitts in den siebziger Jahren schrieb. Mit "Bright Size Life", dem Titelstück eines Albums von Pat Metheny, kehrt er noch eine dritte, hymnisch-verträumte Seite heraus - aber auch hier schlägt seine Tendenz, Kompaktes gegen Leichtes zu setzen, immer wieder durch.
Es war an der Zeit, dass sich Orrin Evans nach einigen Alben in größeren Besetzungen endlich als Leiter eines Trios präsentierte, denn nur dadurch konnte deutlich werden, welch eigenwilliger, hervorragender Pianist er ist.

Werner Stiefele, 17.01.2002



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