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The Complete Blue Note Sixties Sessions

Dexter Gordon

Blue Note/EMI 8 34200 2
(1961 - 1965) 6 CDs

Dexter Gordons Blue-Note-Aufnahmen der Jahre 1961-65 sind ein unantastbares Heiligtum im allzu bescheiden beschnittenen Blue-Note-Katalog der EMI, und genau so wird ihre „vollständige“ Edition auch präsentiert: Die sechs Silberhostien werden geborgen von einem Gebilde, das in seiner zweifachen Aufklappbarkeit einem gotischen Flügelaltar ähnelt.
Dexter Gordon war der erste quintessentielle Bebop-Tenorist und verschmolz in den vierziger Jahren Lester Youngs lyrische Essentialität und Coleman Hawkins’ sonore Muskulosität mit Charlie Parkers moderner Konzeption. In den Fünfzigern aber sah er nur noch äußerst selten ein Plattenstudio von innen. Doch dann meldete sich der gerade in Europa Gefeierte mit den Blue-Note-Aufnahmen machtvoll zurück und erreichte mit den Alben „Go!” und „A Swingin’ Affair“ in der Mitte seiner Blue-Note-Phase an der Seite von Kollegen wie Sonny Clark und Billy Higgins Gipfelpunkte seiner Kunst.
Der keinen einzigen Ton verschwendende hünenhafte Sensibilist mit dem robusten Ton erwies sich hier als unsentimentalster Balladengroßmeister und in den Uptempos als gelassenster Bop-Saxofonist der Dekade. Und er war – immer ein Zitat auf den Lippen und ein in Moll am intensivsten improvisierender Chorusarchitekt – auch ein unterschätzter Themenkomponist, wie die Fülle des hier versammelten Materials eindrucksvoll zeigt.
Die Aufnahmen für „Our Man In Paris“, eine Reunion mit Bud Powell, dem Gefährten der frühen Bebop-Tage, sind die Wurzel für Bertrand Taverniers Film „Round Midnight“ (und somit für die endgültige Kultifizierung Dexter Gordons). Die von Gordon gespielte Hauptfigur war ja eine in Paris angesiedelte Mischung aus Powell, Young und ihm selbst.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele durchaus beglückende Sessions von den Blue-Note-Gründern Alfred Lion und Francis Wolff in den Glanzzeiten des Labels als zu uninspiriert und groovearm für die Veröffentlichung verworfen wurden: Ein Drittel der hier versammelten Sessions (mit Größen wie Freddie Hubbard und Philly Joe Jones) gehörten seinerzeit zu diesem „Edelschrott“. Die (zugegeben schwächste) Session mit Sonny Stitt hält man heute noch für so schlecht, daß man uns nur eine Kostprobe zubilligt!
So ist dies keine komplette Ausgabe. Herbie Hancocks Album „Takin’ Off“ fehlt ebenso wie alternate und rejected takes – das wäre wohl auch eine unerschwingliche Box geworden bei bis zu 34 takes von einer Nummer. Dafür hat man die Tondokumente um Rundfunkinterviews ergänzt und im Beiheft Gordons Briefwechsel mit Blue Note abgedruckt.
Wunschloses Glück für den Hörer; dem Leser hätte man allenfalls auch die originalen Liner Notes darbieten können – das sollte bei so wichtigen Werkausgaben eigentlich Standard sein.

Marcus A. Woelfle, 31.01.1997



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