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Ludwig van Beethoven

Sinfonien Nr. 6 und 8

Royal Philharmonic Orchestra, Thomas Beecham

Sony 89888
(68 Min., 1951, 1952) 1 CD

Die frühen Fünfziger - das war im Grunde (noch immer bzw. wieder) die Zeit Furtwänglers und damit der spätromantisch- titanisch-heroisch-tiefschürfenden, mit einem Wort: deutschen Beethoven-Sicht. Zumindest auf dem europäischen Festland. In London aber spielte sich etwas ganz anderes, nicht minder Beeindruckendes ab: neben einem gewissen Karajan, der seine epochale erste Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien mit dem Philharmonia-Orchester in einem geradezu revolutionär anmutenden, zügig-federnden Zugriff begann - neben diesem jungen Deutschen war in London auch und vor allem der siebzigjährige Thomas Beecham in Plattenstudios tätig.
Auch er hatte mit der pathoserfüllten teutonischen Unerbittlichkeit Furtwänglers wenig im Sinn. Weit mehr aber als der vierzigjährige Karajan, der damals noch nicht derart massiv wie später auf seinen violinösen Schönklang Wert legte, war Beecham auf Gleichberechtigung aller Orchestergruppen, überhaupt auf möglichst große Durchhörbarkeit bedacht. Daran lässt seine von CBS 1951/52 aufgenommene "Pastorale" keinen Zweifel. Wie das, so mag man sich fragen - wo Beecham doch allerorten als Vertreter der alten Schule des Enthusiasmus gilt, dem Strenge nicht so wichtig war!?
Ich kenne keine "vor-authentische" Lesart der sechsten Sinfonie, die einem den Partiturblick auf jede Stimme derart leicht macht. Ob nun im Eröffnungssatz das makellos genaue Mit- und Gegeneinander von Triolen und Achteln oder die ausgeklügelten Triller und der samtene Streicherchor im zweiten Satz mitzuverfolgen sind - die detailverliebte Behutsamkeit, mit der Beecham Beethovens "happy emotions" und "Scene by the brook" (man spricht in Sony-Land kein Deutsch) in Szene setzt, ist schlicht vorbildlich. Folglich wird auch der "thunderstorm" kein brachialer Boxenkiller. Wer statt dessen hören und nicht, wie sooft, nur ahnen will, was die Bässe hier in ihren naturalistisch-aufbrausenden, virtuosen Sechzehntelfiguren absolvieren müssen, der kann sich bei Beechams Londoner Nobelphilharmonikern bestens kundig machen.
Noch mehr als in dieser seiner Beethovenschen Lieblingssinfonie zeigt Beecham in der Achten, wie sehr ihm filigrane Bläser am Herzen liegen. Welche vorzüglichen Solisten (unter anderen Jack Brymer, Gwydion Brooke und Dennis Brain) zur Verfügung standen, lässt sich beispielhaft im Trio des dritten Satzes verfolgen. Dass die Aufnahmen gleichwohl - bei all dieser Detailversessenheit und klangfarblichen Parität - vierzig Jahre vor unserer heutigen, vermeintlich "authentischen" Beethoven-Sicht entstanden sind, belegt die bedächtige Tempowahl und manche Verschleppung. Gleichwohl: ein wunderbarer Ludwig van, wahrlich nicht nur für "historische" Hörer.

Christoph Braun, 17.10.2002



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