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Play French Impressionist Music From The 20th Century

Lee Konitz, Axis Streichquartett

Palmetto Jazz/SMD PALM CD 2064
(50 Min., 1/2000) 1 CD

Lee Konitz ohne Rhythmusgruppe, nur mit einem Streichquartett und klassischem Repertoire? Ja, das ist einen Versuch wert, verspricht endlich interessanten Third Stream und keinen weiteren Kitsch in dieser Richtung. Bach oder wenn schon neueres Französisches, dann Milhaud und Poulenc, würde man meinen, sei das richtige für Konitz, dessen Sinne für Linearität und polyfone Stimmführung außer Frage steht. Aber Debussy & Co? Schreit das nicht nach einem betörendem Altsaxofon à la Johnny Hodges?
Ich liebe Lee Konitz und ich liebe französische Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts. Gerade deshalb hielt mich die Angst vor Enttäuschung wochenlang davon ab, die von Ohad Talmor arrangierten Kompositionen zu hören. Es ist ein klischeefreies Projekt mit Höhen und Tiefen, ein Drahtseilakt, bei dem beglückende, berührende Momente festgehalten wurden. Konitz' Einfälle schwimmen wie blühende Inseln auf glitzernden und trüben Gewässern, deren Bewohner bisweilen prächtige Fische, bisweilen aber auch seltsame Irrläufer sind.
Der Arrangeur Oham Talmor hat mit sehr freien Bearbeitungen der Originale dazu beigetragen. Auf naheliegende Werke der Komponisten verzichtet er - Debussys Rhapsodie für Saxofon oder seine ragtimigen Stücke, Ravels von Jazz und Blues beeinflussten Stücke. Was er aber aussucht, zum Teil recht obskure Klavierstücke, Lieder, Duos, auch von Komponisten wie Koechlin, Chausson, Satie und Fauré, bearbeitet er mal mit viel Farbsinn und Feingefühl, mal etwas ratlos tastend. Die Suche nach Originalität führt dabei zu seltsamen Blüten: In Ravels "Berceuse sur le nom de Gabriel Fauré" erklingt plötzlich ein Zitat aus Mahlers erster Sinfonie, das allenfalls als Gruß an Uri Caine zu deuten ist.
Die Mitglieder des Axis Streichquartetts improvisieren auch etwas, mit weniger eindeutigem Erfolg. Sie sind auch weit entfernt davon, auf ihrem Gebiet ein Niveau zu entfalten, das Konitz im Jazz hat. Aber solange sich die Juilliards oder Alban Bergs nicht erbarmen, mit einem Jazzer zu musizieren, und sei er noch so bedeutend, können wir für ihr Engagement dankbar sein.
Allein Lee Konitz bleibt meist souverän. Er fragte sich: „Wie können meine Variationen wie geschrieben klingen und zur klassischen Musik passen? So etwas habe ich noch nie getan. Ein Freund fragte mich, warum Ohad mich nicht improvisieren ließe. Also wusste ich, dass es funktioniert hat.“ In der Tat ist der Unterschied zwischen Improvisation und Komposition nahezu verwischt. Erstaunlicherweise ist Konitz' weicher, fast zerbrechlicher Sound genau der richtige für diese Musik. Schließlich ist man ganz froh, dass kein blumiger Hodges, sondern eben der Antischmalzist Konitz Stücke wie Debussys "Rêverie" bläst.

Marcus A. Woelfle, 30.11.2000



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