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Ludwig van Beethoven

Sinfonien Nr. 1 bis 9

Soile Isokoski, Rosemarie Lang, Robert Gambill, René Pape, Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim

Teldec/Warner Classic 6 3984 27838 2 8
(5/1999, 6/1999, 7/1999) 6 CDs

"War er wirklich der Titan?" fragt Andreas Richter am Beginn seines Beiheft-Textes zu dieser Box, um dann die gängigen Beethoven-Klischees unter die Lupe zu nehmen. Der Hörer fragt sich, welche Antwort der Dirigent Daniel Barenboim mit seiner Deutung auf diese Frage gibt. Übersetzt man die zu erlebende Antwort in Sprache zurück, dann könnte sie lauten: Zumindest wirkt er so.
Den ersten beiden Sinfonien ringt Barenboim knackige Rasanz ab. Seine sportiven schnellen Sätze zeige, dass Beethoven in diesen beiden Stücken nicht einfach der Haydn-Schüler war, als den ihn die Konzertführer gerne apostrofieren. Hier, und nicht erst bei der "Eroica" zeigt der Löwe seine Zähne – und das klingende Ergebnis dieser Erkenntnis ist wirklich erfreulich.
Dass Barenboim dann jedoch ab der dritten Sinfonie plötzlich Tempi zurücknimmt, mehr den weihevollen als den aufrührerischen Beethoven hervorkehrt und ihm damit die erwähnten Zähne zieht, verwundert. Empfindlich wahrnehmbar ist dies im langsamen Satz der Fünften, laut Partitur ein "Andante con moto" (also ein bewegtes Andante), bei dem Barenboim mitunter fast musikalischen Stillstand zelebriert – dies natürlich wie überall mit fein ausgehorchten Orchesterdetails, die herrlich genießbar sind. Barenboim bietet uns einen Beethoven zum Zurücklehnen, einen Beethoven, bei dem man sich pathetisch fühlen kann, doch das Pathos bleibt leer, inhaltslos.
Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Neunte, deren Ecken und Kanten so abgeschliffen wurden, wie ich es selten erlebt habe. Sogar der "Schreckensakkord" am Beginn des (sängerisch mäßigen) Chorfinales verliert durch Hervorziehen des Blechs seine berühmte Dissonanz. Im anschließenden Kontrabass-Rezitativ streift Barenboim die Kitsch-Grenzen (hier verlangt Beethoven Presto, Barenboim schwelgt im Adagio), die dann bei einer extrem langen Fermate an der Stelle "und der Cherub steht vor Gott" auch wirklich erreicht wird.
Was soll das? Im Beiheft wird in einem interessanten Artikel auf die Berliner Beethoven-Traditionen eingegangen. Vor diesem Hintergrund muss man feststellen: Barenboim kehrt zu den hohlsten Traditionen der preußischen Helden-Verehrung zurück, die ja auch den Rheinländer Beethoven gerne für sich in Anspruch genommen hat. Unbestritten tut Barenboim dies auf höchstem Orchesterniveau, aber vielleicht ohne es zu wissen. Und das wäre das Allerschlimmste.

Oliver Buslau, 20.04.2000



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