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Dmitri Schostakowitsch

Cheryomushki

Olga Zabotkina, Vladimir Vasilyev u.a., Leningrader Philharmoniker, Nikolai Rabinovich

Decca/Universal 074 3138
(87 Min., 1963) 1 DVD

Eine Operette im sozialistischen Plattenbau? Die Idee klingt herrlich absurd, aber Dimitri Schostakovitsch hat sie komponiert. Und wie so oft bei diesem sphinxhaften Komponisten steht man verwundert davor und fragt sich: Ist das nun parodistisch gemeint oder nicht? Die Zensur ließ das Stück als propagandistisch geeignet passieren. Eine Reihe von jungen Leuten hat Berechtigungsscheine für Wohnungen in einer der neu erbauten Trabantenstädte zugeteilt bekommen – endlich, so hoffen sie, können sie der Enge und gegenseitigen Beobachtung in den Wohnheimen der Altstadt entkommen. Größtes Hindernis auf dem Weg ins Glück sind ein windiger Hausmeister und ein korrupter Bauverwalter. Schostakowitsch schildert sie alle als echte Operettentypen und schrieb dazu eine rasant gut gelaunte, temporeiche Musik zum Mitpfeifen, in die er nur hier und da kleine nostalgische Schmachtfetzen einstreute. Doch gerade dadurch, dass Schostakowitsch den Versuch ernst nahm, die Alltagsprobleme des real existierenden Sozialismus im Gewand einer Operette zu verarbeiten, gab er dem Stück seinen unverkennbar kafkaesken Unterton. Leider ist der Konflikt zwischen dem forschen Sprengmeister Boris und seinem Schwarm Lidochka vom Librettisten oft wenig motiviert, so dass die Handlung bisweilen durchhängt. Entschädigt wird man allerdings dadurch, dass die 1963 entstandene Filmfassung mit ihren bunten Kostümen vor grauen Betonwänden dem Film einen beachtlichen Retrotrash-Charme verleiht. Lange Zeit eine Art sowjetische Feuerzangenbowle, die viele Jahre zu Sylvester gezeigt wurde, hat der Film nun eine verdiente Chance, den Westen zu erobern.

Carsten Niemann, 21.12.2007



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