Glückliche Natalie Dessay. Wovon selbst Renée Fleming oder Cecilia Bartoli nur träumen, ist der französischen Sopranistin gewiss: Ihr (Belcanto-)Repertoire hat sie in Gesamtaufnahmen mehrfach für die Nachwelt dokumentiert. Kein Zweifel, dass sie über den geschmeidigsten, höhensichersten und dabei spitznasig-charaktervollsten Koloratursopran verfügt, den es derzeit gibt. Durch ein unterkühltes Temperament, die Neigung zum Gellen der Spitzentöne und eine gewisse Ältlichkeit im Timbre ist sie allerdings keine ideale Amina mehr. Intuitiv unterstellt man ihr ein Maß an Vorausberechnung, wenn sie sich schlafwandelnd ins Bett des Falschen verirrt. So soll das nicht sein.
Leider haben zudem die CD-Firmen noch nicht begriffen, dass ein einziger Star als Zugpferd einer Opernaufnahme nicht reicht, um diese konkurrenzfähig zu machen. Lediglich Carlo Colombara als sinnlich nobler Conte verströmt (durch leichte Ähnlichkeit mit dem großen Cesare Siepi) einen Hauch von Interpretationskunst. Die schnippische Jaël Azzaretti (Lisa) und die maternell gurrende Sara Mingardo (Teresa) bilden verlässliche Comprimari. Dagegen lässt Francesco Meli als milchgesichtiger Elvino den Hahnenkamm seines einfarbigen Tenors vergeblich schwellen. Als Dokument einer Aufführungsserie in Lyon mag all das befriedigen. Am Markt künstlerisch behaupten kann es sich nicht.
Dem nüchtern flexiblen Ton von Chor und Orchester der Opéra de Lyon hört man noch immer die große Vergangenheit (unter Gardiner und Nagano) an. Dirigent Evelino Pidò aber schleppt sich uninspiriert durch das Stück, als habe er von dieser Sorte Repertoire längst die Nase voll. Fazit: Für Natalie Dessay kommt die Aufnahme fast zu spät. Die anderen halten nicht mit. Man staunt, dass trotz weniger Operngesamtaufnahmen immer noch derart überflüssige produziert werden.

Robert Fraunholzer, 21.12.2007



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