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Ludwig van Beethoven

Sinfonien Nr. 5 und Nr. 6

Tonhalle-Orchester Zürich, David Zinman

Arte Nova 74321 49695 2
(73 Min., 3/1997) 1 CD

Man könnte von einer Zumutung sprechen, die der Plattenschrank nicht mehr verträgt: noch ein Beethoven-Zyklus. Doch halt! Man kann, ja muß diese Zumutung empfehlen, jedenfalls nach dem Eindruck, den dieser Zyklus-Erstling hinterläßt: ein packendes, vor Frische strotzendes Paar der Fünften und Sechsten, das die Zürcher mit ihrem neuen Chef David Zinman präsentieren. Zu bestaunen ist eine brillante Orchesterkultur mit einer Präzision, die auch bei den zügigsten Tempi nicht ins Wanken gerät und die vor allem bei den Bläsern Fulminantes zu bieten hat.
Zinman legt ähnlich wie Gielen oder Gardiner eine Tour de force vor, die alle Romantizismen - von klangentstellenden Instrumentenverdopplungen bis zu unzulässigen Tempodehnungen - zum Teufel jagt. Statt dessen schlägt unerbittlich ein gleichbleibend drängender Grundimpuls. Das wiederum verdeutlicht die strukturelle Verwandtschaft der beiden gleichzeitig entstandenen, im Charakter so verschiedenen Werke. Vor allem der “Pastorale” kommt der forsche Zugriff zugute, zerstäubt er doch das kitschige Bild vom verträumt ins Bächlein guckenden und nett die Landleute auf dem Acker grüßenden Beethoven. Allerdings inszeniert Zinman keine Hatz um ihrer selbst willen. Davor schützt ein subtil ausgehorchtes, auch Nebenstimmen zur Geltung bringendes Stimmengewebe, dessen Farbigkeit man mit Lust lauscht - auch wenn das Klangbild noch plastischer und tiefenschärfer sein könnte.
Der Einspielung liegt die von Jonathan Del Mar herausgegebene neue Bärenreiter-Edition zugrunde. Die Ausgabe Del Mars - erstmals eine kritische, weil alle noch vorhandenen bzw. wiederentdeckten Autographe, Partitur-, Kopisten- und Stichvorlagen miteinander vergleichende Edition - ist eine philologische Pioniertat, die unser Beethoven-Bild über kurz oder lang verändern wird.
Hört man’s? Grob gesagt: Es fallen einige ungewohnte Phrasierungen, dynamische Veränderungen und Akzentuierungen auf. Die Änderungen - sie sollen laut Del Mars Vorankündigung in der dritten, siebten und neunten Sinfonie noch markanter sein - vermitteln ein ruppigeres, kantigeres, luftigeres, jedenfalls durchsichtigeres Beethoven-Bild, als wir es bislang kennen. Nicht zuletzt sei das vortreffliche Preis-Leistungs-Verhältnis des neuen Zyklus erwähnt. Er sollte alle langweiligen Glamour-Produktionen das Fürchten lehren.

Christoph Braun, 22.05.1997



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