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Viaticum

e.s.t.

Act/Edel contraire 9015-2
(75 Min., 8/2004 - 10/2004) 1 CD

Und wieder wird sich die Kritik angesichts der neuen E.S.T.-CD überschlagen, wird dieses Esbjörn Svensson Trio als Phänomen feiern, als ein Klaviertrio, dem das Unvorstellbare gelingt, anspruchsvollen Jazz authentisch zu spielen und die Musik doch so zu präsentieren und mit elektronischen Mitteln aufzubereiten, dass sie zumindest in ihrer schwedischen Heimat Eingang in die Pop-Charts und sogar in das MTV-Programm findet. Auch der Schreiber dieser Zeilen - sonst turnerischer Übungen eher abhold - kommt nicht umhin, sich an den Überschlagsübungen seiner Zunft zu beteiligen. Es ist einfach klasse, wie da mit unbändiger Spielfreude, mit Sinn für deklamatorische Melodik und berührende Harmonik, mit Lust an unmittelbarer und doch hip vertrackter Rhythmik im gleichberechtigten Triokontext musiziert wird, wie überschäumende Improvisation und geplante Strukturen nahtlos ineinander verflochten sind und der Einsatz von elektronischen Effekten die Präsenz der akustischen Instrumente trefflich ergänzen und sogar erhöhen. Natürlich wäre die Musik von E.S.T. nicht denkbar, hätte es zuvor kein Keith-Jarrett-Trio gegeben. Doch was die E.S.T.- Musik neben der Integration von elektronischen Elementen so erregend macht, ist der virtuos gestaltete Umgang mit Zirkularstrukturen in allen drei Instrumentenstimmen. Dieses Verfahren schien schon in den siebziger Jahren bei Wolfgang Dauner und Siegfried Kessler auf. Jetzt trägt dieses Moment vehement dazu bei, den schwelgerischen Jarrett'schen Angang so begeisternd auf tanzbereite Füße zu stellen, ohne dass dabei Herz und Gemüt in ihrer Angerührtheit Schaden nähmen. Glücksbeseelt nimmt der Hörer, falls er in den vier Minuten des Schweigens nach dem offiziellen Programm nicht längst schon den Ausschaltknopf betätigt hat, die launige, rein elektronische Überraschungszugabe von immerhin zehn Minuten mit Humor.

Thomas Fitterling, 29.01.2005



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